Matthäus 21, 1-3 „Dass das Herz weit wird, dass die Seele ihre Flügel ausbreiten kann, darum: Machet die Tore weit. Dass der Körper sich aufrichtet und der Atem wieder frei fließen kann, dass die Angst vergeht und Hoffnung wieder wächst, darum: Machet die Tore weit, und die Türen in der Welt hoch. Dass der König der Ehren einziehen kann, dass Gott Wohnung nimmt in unseren Herzen und Seelen, darum: Ist Advent geworden. Wieder Advent.“ Liebe Gemeinde! Macht die Tore weit, und die Türen in der Welt hoch. Und: Hosianna. Gelobt sei, der da kommt im Namen Gottes. Der Ruf zum Advent, so kennen wir ihn. Er gehört einfach dazu. Weit zurück führt dieser Ruf. Tief hinein in eine vergangene Zeit. So haben sie gerufen in Jerusalem. Ganz laut, als Jesus eingezogen ist. Aber - was ist denn da los? So kennen wir Jesus ja gar nicht! Er inszeniert seinen Einzug in Jerusalem! Und er lässt ihn sich inszenieren! Ja, von anderen, bei anderen Gelegenheiten, da kennen wir ein solches Schauspiel, Auftreten und Verhalten. Aber doch nicht von Jesus! Da schickt er zwei Jünger voraus, um einen Esel zu besorgen, nicht, wie wir es kennen, aus dieser Bibelstelle, die wir zu Anfang gehört haben, ein Esel und ein Füllen einer Eselin – denn diese Form ist ein Übertragungsfehler aus dem AT, der dann auf diese Art ins Mtev. gekommen ist – es war ein beliebtes Stilmittel im Hebräischen, eine Sache in einer unterschiedlichen Doppelung zu verdeutlichen – wie sollte Jesus denn auf wei Eseln geritten sein – die zwei Jünger sollten einen schon dafür angebundenen Esel besorgen, damit er, Jesus, darauf in Jerusalem einreit die auf der Straße waren, dort auch oft lebten, begeistert empfangen, gefeiert und bejubelt. Und – er lässt es mit sich geschehen. Er wehrt ihnen nicht, wenn sie rufen: „Du Sohn Davids, unser König kommt!“ Eine doch etwas seltsam anmutende Szene baut sich hier vor unseren Augen auf, zwiespältig und mehr als paradox. Zu Beginn eines Eishockey-Spiels ziehen die Spieler einzeln ein, unter den Klängen der Vereinshymne oder eines Popklassikers. Der Hallensprecher nennt die Vornamen der Spieler und die Halle brüllt den Nachnamen zurück. Die Spieler werden mit Lichter-Spots angeleuchtet, ein Ritual, hier wird der Auftritt zelebriert und gefeiert. Andere Sportarten haben dieses Muster übernommen, etwa im Basketball. Auch bei Boxveranstaltungen lässt sich der Lokalmatador feiern, inszeniert seinen Auftritt. Meist singt sogar ein Popstar life, der Boxer lässt sich für den Kampf aufpuschen. Selbst vom früheren Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche kennen wir vergleichbare Auftritte. Immer wenn der Papst auf einer Auslandsreise aus dem Flugzeug stieg, kniete er nieder, küsste die Erde, schritt über einen roten Teppich hin zu seinem kugelsicheren Auto. Und Politiker und hochrangige Wirtschaftleute, auch sie empfangen in eindrucksvollen Häusern, unter Blitzlichtgewitter, ihre Gäste. Es sind uns allen bekannte Vorgänge, wenn jemand dadurch gewürdigt, aufgewertet wird, seinem Stand entsprechend empfangen wird. Ich las vor kurzem, dass der Empfang mit militärischen Ehren ein auf langer Tradition fußender Bestandteil des diplomatischen Protokolls bei Staatsbesuchen sei. Jeder Staat, der Streitkräfte unterhält, ist gemäß internationaler protokollarischer Übereinkunft dazu verpflichtet und ein Abweichen davon gilt als schwerer Affront gegenüber dem Gast und kann zu diplomatischen Verwicklungen führen. Aber bei Jesus, was ist denn da los? Steckt dies alles dahinter, wenn Jesus so in Jerusalem empfangen wird? Entspricht dies seinem Stand, hier diesen jubelnden Einzug zu halten? Es ist erstaunlich, mit welcher Souveränität Jesus die Gepflogenheiten der Mächtigen benützt und sie scheinbar für sich in Anspruch nimmt. Hier aber taucht die erste Anfrage auf. Ein König, er wird erwartet, wenn er kommt. Ihm wird der Einzug mit allem Pomp und Pracht, die aufzubieten ist, verschönt und er damit geehrt. Auf einem starken Hengst, dessen Kraft ihm anzusehen ist, schön gekleidet und mit Machtzeichen dekoriert, nichts anderes ist zu erwarten. Jesus, auf einem Esel, in seiner höchst bescheidenen Kleidung und Erscheinung, kein roter Teppich, sondern die zerlumpten Kleider derer, die auf der Straße leben. Mit der Macht und Ausstrahlung dieses seltsamen Reiters hat es wohl nicht viel auf sich. Sie Schriftgelehrten und Pharisäer, die religiöse Führungsschicht, sie rümpften nicht umsonst ihre Nasen und wandten sich ab. Das konnte doch nicht der verheißene Messias sein, von dem schon die Propheten sprachen. Zwar sollte er tatsächlich auf einem Esel einreiten, doch menschliche Wertmaßstäbe trübten da wohl ein wenig den Blick. Auf dem Lastentier der Armen, unter Arme, in ärmlichem Zustand, nicht vom hohen Roß herunter, sondern selber ein Armer, so zog Jesus ein. Das war und ist sein Programm, auch wenn viele es nicht wahrhaben wollten. Der Esel, wohl, wie es scheint eines der Lieblingstiere Gottes. Denken wir zurück ins AT, wo etwa der Esel des Bileam mehr begriff als alle Menschen um ihn herum. Und dann im NT, einer der Zeugen von Jesu Geburt. Kurz darauf war er behilflich bei der Flucht nach Ägypten – und jetzt dieser Einzug! „Siehe, dein König kommt zu dir!“ Diese Zusage des Propheten galt eigentlich der Stadt Jerusalem. Ganz entscheidende Dinge tut bei Gott wohl ein Esel. Ein Esel, der oft störrisch und widerspenstig ist. Seinen eigenen Kopf hat. Vor allem aber geduldig, ausdauernd und unheimlich zäh. Mitunter ist er freundlich, zutraulich, selbst unter einer ihm ungeheuer schweren, anvertrauten Last. Auf ihm reitet Jesus ein und wird in den Augen seiner Spötter dadurch selbst als Esel angesehen. Wir könnten auch sagen, Kleider, das Auftreten, wie wir uns geben, uns darstellen, Kleider also machen Leute. Jesus dagegen macht nichts aus sich. Diese Äußerlichkeiten sind ihm nicht wichtig. Er lässt an sich geschehen. Die Menschen machen etwas aus ihm. Er muss sich nicht erst weit herablassen, er muss ihnen nichts vormachen. Er ist bereits unten bei ihnen und möchte sich nicht in eine andere Position zwingen lassen. Dieser Zwiespalt macht diese Geschichte so spannend: in Hoheit reitet er ein, aber in der größten Ausgesetztheit stellt er sich dar. Wer ist dieser Jesus und wie kommt er – noch heute zu uns? Er verzichtet auf jede äußere Machtdemonstration. Und das ist gut so, vielen Älteren ist dies nur noch zu deutlich vor Augen, was im 3. Reich geschah. Wie hier mit einer mehr als ausgefeilten Regie Auftritte von Nazigrößen zelebriert wurden. Jeder heute inszenierte Auftritt, Aufmarsch ruft ungute Gefühle wach, selbst wenn beim Besuch der englischen Königin, des amerikanischen Präsidenten, den Zuschauern Fähnchen verteilt werden. Wir könnten auch sagen, nach unseren Gesetzen, unserer Logik, macht Jesus alles falsch, was man falsch machen kann. Diese Menschen, die ihm zurufen, in feiern, sie bringen ihm nichts. Was denn können sie für ihn tun, wo ihn unterstützen? Er ist ein Arme-Leute-König, von unten. Jetzt jubeln sie ihm noch zu, wenn er dann aber nicht nach ihren Vorstellungen verhält, wenden sie sich von ihm ab. Lassen ihn allein. Und sie rufen: „Kreuzige ihn!“ Selbst da bietet er nichts, wenigstens nicht das, was alle von ihm erwarten. Keine überschäumenden Gefühle, Erlebnisse, Massenheilungen. Er bezwingt auch keine Mächtigen, lässt die Welt nicht untergehen, bestraft und beseitigt Bösewichte, indem er die Frommen belohnt. Nein, dieser Jesus ist – einfach unerträglich – anders! Wie also sollen wir mit ihm umgehen? Indem er verklärt wird, am Kreuz hängend, zum Heiland in einer Ecke des Hauses, einer Kirche degradiert, gar vergoldet, schön geschmückt? Ein Gegenstand, der abgestaubt werden muss? Oder verniedlichen wir ihn, wie alle Jahre wieder zu Weihnachten, das niedliche, pausbackige Jesulein in der Krippe, strampelnd, lachend? Machen wir also mit ihm was wir wollen? Hier wird deutlich, bei seinem Einzug, dass er mit seinem Friedensanspruch unsere Vorstellungen, was wir aus ihm machen, durchreitet, auf einem Esel. Er kommt als König, aber ohne alles, was wir als Absicherung für unser irdisches Dasein meinen zu brauchen: ohne Macht und Gewalt, ohne Reichtum. Und wir selber wissen, dass damit eben noch Er ist darum kein König mit moralischen Ansprüchen. Nein, er zeiht, reitet ein in Jerusalem, sanftmütig und ganz denen zugewandt, die an der Last, die sie zu tragen haben, zu zerbrechen drohen, die nichts mehr vom Leben erwarten, die ausgenützt, ausgebeutet werden, die von niemand mehr beachtet werden. Was aber heißt hier sanft? Müssen wir nicht aufhorchen, wenn Mt das Zitat aus dem Prophetenbuch Sacharja abändert: „Ein Gerechter und ein Helfer, arm“, da steht nichts von sanft. Und dieses sanft heißt noch lange nicht, dass sich Jesus überall dreinschickt, kein Ziel verfolgt, ruhig und bescheiden mit sich machen lässt. Was geschah denn nach seinem Einzug: er ging in den Tempel und warf dort die Händler hinaus! Sanftmut bedeutet also etwas anderes. Ist nicht negativ zu verstehen. Heute kommen wir wohl wieder etwas näher an die eigentliche Begrifflichkeit. Wir rufen nach sanfter Technologie, sanfter Energieerzeugung, nach sanftem Umgang unter ns Menschen, auch mit unserer Umwelt, den Dingen, die wir brauchen. Es ist das Gegenteil von allem Erzwungenen, Gezwungenem, Gemachten. Von allem Aggressiven und Zerstörenden. Sanft-Mut meint ein Verhalten, das alles von Gott Geschaffene ernst nimmt und es darum zu erhalten sucht. Jedem seinen Platz zuerkennt und gelten lässt. Und darauf reagieren die Menschen mit Jubel: „Hosianna“ – doch wie kann mit einem Bittruf gejubelt werden? „Herr, hilf doch“, diese Bitte wandelt sich bei Jesu Einzug in Jubel, der von diesem Herrn das erwartet, um was man bittet. Und Jesus überschreitet diese Grenze, weil er Bitten ernst nimmt. So möchte er auch unsere Grenzen überschreiten, unsere Sorgen und Ängste ernst nehmen. Die Angst um Frieden auf dieser Welt, die Sorge vor Verarmung, unter uns und bei uns selber. Die Angst nicht mehr mithalten zu können, die Sorge um unsere Zukunft. Ist es nicht erschreckend, wie unser Leben mehr und mehr allein auf das Haben und Besitzen reduziert scheint? Der Jubel, der aus dem Bittruf erwächst, ist der Keim, das erste Zeichen für einen Widerstand gegen uns beherrschende Mächte. Wo aber jubeln wir heute, wo werden wir aktiv und kreativ – und unterstützen Jesu Einzug? Bei uns, unter uns? „Siehe, dein König kommt zu dir“. Wir sind am Beginn der Adventszeit. Und es geht hier um die gleiche Haltung und Einstellung, wie sie unsere Erzählung ausdrückt. Sie bedeutet eine Unterbrechung unseres Alltags. Der Sorge um das Tägliche. Wir dürfen innehalten, in Erwartung und Vorfreude. Denn zum Kommen des Heilands auf unsere Erde auch das Warten. Die Erwartung. Daraus kann Freude entstehen. Eine spannungsvolle Freude. er Adventskalender macht dies deutlich. Jeden Tag ein Türchen, ein Päckchen, mit jedem Tag wächst die Ungeduld, die Spannung, damit aber auch die Freude. Dazu möchte uns die Adventszeit verhelfen, dass wir in dieser Freude auf Gott warten. Dass wir, wie die damaligen Wartenden, in spontane und unbegrenzte Lust ausbrechen können, zum Feiern kommen, Freude daran finden, damit Jesus bei uns ankommen kann. Jesus benützt die Gepflogenheiten, das uns bekannte Muster der Mächtigen und Einflussreichen, der Stars – und kehrt sie ins Gegenteil. Denn wenn Gott kommt, will er nichts für sich. Wenn er kommt, dann auf einem Esel. Auch wenn er sich dadurch für viele selbst zum Esel macht. In den Augen der Verspotteten, der Armen, derer, die unten leben, wird er daurch zu einer Eselsbrücke zu Gott. „Worauf wartest du“, fragte ein Prophet den Wächter am Tor. „Dass ich herannahende Feinde erkenne und die Stadt warnen kann.“ „Was aber tust du, wenn ein Freund kommt, ein Helfer und Retter für die Menschen, der den Frieden bringt?“ Warten wir in Freude auf den, der Frieden bringt. Amen