Predigt zu Jesaja 63,15ff am 2. Advent, 10.12.2017, in Spaichingen

Der Tübinger Philosoph Ernst Bloch, beileibe kein Christ, eher Atheist, soll zum Weihnachtsfest 1962 seine Studierenden mit folgenden Worten in die Ferien entlassen haben: „Gesegnete Weihnachten! Aber bitte merken sie sich: Wir leben auch zu Weihnachten im Advent. Denn Advent ist immer!“

„Schau doch herab aus deinem Himmel, deiner herrlichen Wohnung! Behalte doch deine herzliche Barmherzigkeit nicht bei dir! Zerreiß doch den Himmel und komm herunter!“
Liebe Gemeinde, mit diesem Aufschrei, wendet sich der Beter in diesen Versen an Gott. Bitternis ist herauszuhören, wenn er Gott anklagt, fast beißende Ironie möchte Gott provozieren, wenn einer einmal mit Gott abrechnet. Und doch weiß ich, dass es dich gibt! Trotz all dieser Anklagen. Gott wird zugetraut, dass er tut und hört, was erbeten wird. Aber ich sehe nichts davon. Du machst es dir zu bequem in deinem Himmel, du hast dich dorthin zurückgezogen, und lässt es dir gut ergehen. Uns Menschen auf der Erde überlässt du ihrem eigenen Schicksal. Als ob dich dies nichts angehen würde. Herrlich wohnst du, gut geht es dir. In Schönheit lebst du, was aber macht deine erbarmungswürdige Erde, gar – deine misslungene Schöpfung? Dein Werk kann doch nicht vollkommen sein, wenn wir uns umsehen, wie es hier zugeht. Verhungernde Menschen, sterbende Kinder, sie alle klagen dich doch an! Ist das von dir so gewollt? Immer wieder kommt von dir „es war gut so!“, wie es am Ende eines jeden Schöpfungstages heißt? Warum, nicht nur der Beter dieser Verse fragt so, lässt du einen gläubigen, gefestigten Menschen abirren von seinem Weg?

Der Beter hat das Gefühl, dass Gott ihn und seine Mitmenschen nicht mehr wahrnimmt. Das er seine Geschöpfe keines Blickes mehr würdigt. Das ist wohl das Schlimmste, was Menschen passieren kann. Nicht mehr wahrgenommen werden, als ob es einen nicht mehr gibt. Der andere sieht durch mich hindurch, sieht ganz bewusst weg, vermeidet mit mir jeden Blickkontakt. Damit kann einer einen anderen fertigmachen. Wir leiden unter dieser Behandlung, Nichtachtung, Verachtung, für unwürdig erklärt werden, wir leiden und gehen schließlich daran zugrunde! Wir werden zerstört! Wir alle kennen dieses Gefühl, wir haben es selber schon erlebt, was es bedeutet, nicht wahrgenommen zu werden. Dass ein anderer so tut, als gäbe es mich nicht. Und dabei ist es doch so wichtig, geradezu lebensnotwendig, dass ich spüre, andere sehen auf mich, wissen, wie es mir geht, was ich tue. Kleine Kinder erhalten dadurch Sicherheit, Eltern selber möchten ihre Kinder sehen und wahrnehmen, es hilft auch dann, wenn der andere nicht beobachtet werden möchte.

Hier ergeht der Vorwurf an Gott, dass er nicht nur von den Menschen nicht mehr wahrgenommen werden kann, sondern dass er sich unserem Blick entzogen hat. Und damit auch nicht mehr auf uns herabsieht. Uns für unwürdig erklärt, wir könnten nicht mehr seine Geschöpfe sein. Gott sieht weg, wenn ein Volk gegen das andere Krieg führt. Gott sieht weg, wenn der Tempel zerstört wird, sein Haus, sein Heiligtum. Gott sieht weg, wenn sein Volk gefangen genommen wird, in ein fremdes Land geführt wird, unfrei leben muss. Gott sieht weg, liebe Gemeinde, ist dieser Vorwurf so abwegig, wenn wir unsere Zeit ansehen? Können wir diesen Vorwurf nicht gut verstehen? Haben nicht auch wir heute oft das Gefühl, dass Gott uns gar nicht richtig wahrnimmt? Sonst könnten doch nicht ständig Unglücke passieren, wenn Menschen aus Hassgefühlen auf andere schießen, ihnen ihre Lebensgrundlage nehmen möchten, ihnen überhaupt jedes Lebensrecht absprechen? Würde doch – nicht mit solcher Verbitterung Krieg geführt. Würde doch – nicht von einem Tag auf den anderen das Leben eines Menschen zerstört werden, durch eine unheilbare Krankheit, wofür er gar nichts kann. Es heißt dann nicht, es gibt keinen Gott. Sondern weil es einen gibt können wir nicht begreifen, warum er so vieles geschehen lässt, was nicht zu ihm passt. Es geht um Gottesferne, die als belastend empfunden wird, die zweifeln lässt, an Gott – und am Leben im Allgemeinen!

Unserem Gott wird hier ein Traditionsabbruch vorgeworfen. Es geht uns so schlecht, dass nicht einmal mehr Vorbilder helfen können, wie Abraham. Dabei gilt bis heute, nicht nur im Judentum, Abraham als der Urvater schlechthin. Der Urvater im Glauben. Aber selbst er kann die Menschen nicht mehr von Gottes Handeln in dieser Welt überzeugen. Traditionen, die gegolten haben, die durch Jahrhunderte getragen haben, sie spielen keine Rolle mehr. Wieviel mehr könnten wir heute in diese Klage einstimmen. Traditionen, gibt es sie noch? In unserer schnelllebigen Zeit scheint ein Grundsatz unumstößliche Gültigkeit zu besitzen: Was bringt es mir, wenn ich dies oder jenes tue, beachte, mich so oder anders verhalte. Was habe ich davon? Dabei zählt das Geld eine ganz entscheidende Rolle. Immer mehr haben zu wollen. Aber vor allem sieht jeder nur noch auf sich selber. Und da wird ganz genau abgewogen, wo und wie ich für mich am meisten rausholen kann: an Vergnügen, Unterhaltung, an Freizeit. Was zählt da schon Tradition, ein Vorbild, eine Autorität. Das alles ist nur hinderlich! Idole, die kennt unsere Jugend noch. Doch Idole, sie sind kurzlebig, vor allem dem Zeitgeist unterworfen.

Der Prophet geht noch einen Schritt weiter. Einen ganz entscheidenden, unerhörten. „Bist du doch unser Vater“, Gott als unser Vater. Wir alle sprechen Gott immer wieder so an, seit Jesus uns dieses Verständnis für Gott aufgezeigt hat. Zur Zeit des Propheten war dies undenkbar. Gott als der Allmächtige, der König, der Herr, so stellte man sich Gott vor, vielleicht noch als der gute Hirte. Aber als ein Vater? Mit all den Gefühlen, Regungen, dem Verantwortungsbewusstsein, der Verbundenheit, Abstammung, die mit diesem Begriff des Vaters verbunden wird. Unerhört, so von Gott zu reden! Aber eben nicht unerhört, eher herausfordernd: Wie kannst du dich uns gegenüber so verborgen verhalten, wenn wir dich als Vater bekennen?  Der Beter dreht die Argumentationskette um, wenn er Gott anklagt. Vaterlos ist unsere Gesellschaft geworden, weil du dich von uns abwendest. Vaterlos – vor allem auch heute?

Neben diesen Anklagen, diesen bitteren Vorwürfen geht nun Jesaja noch einmal weiter. Ein Schritt, der auf unsere Zeit sein Licht wirft. Und unserem Empfinden, wie bereits angesprochen, eine Richtung geben möchte. Damit wir aus der Klage herausfinden. „Schau herab, dass du den Himmel zerrissest, dass Berge zerflössen, wie Feuer gewaltige Kräfte entwickelt, dass alle Feinde von dir dein gewaltiges Handeln nicht einfach übergehen können“. Wir Menschen können klagen und jammern, wir können schreien und schweigen, es ist allein Gott, der durch sein Handeln, seine Zuwendung, unsere gestörte Beziehungen zu ihm und unseren Mitmenschen heilen kann. Es ist Gott selber, der sich vermittelt, der sich offenbart, auf eine Art und Weise, wie es „kein Ohr je gehört und kein Auge je gesehen hat“.
Wir feiern heute den 2. Advent. Sind in der Zeit vor Weihnachten. Es ist eine Zeit des Wartens. Nicht nur für Kinder, die es kaum mehr erwarten können, bis es endlich Weihnachten ist. Da helfen auch nicht die vielen Päckchen oder Türchen am Adventskalender. Wir warten auf Gottes Kommen auf die Erde, auf die Geburt seines Sohnes, uns zur Rettung. Warten aber fällt uns allen schwer. Ungeduldig werden wir. Warten aber heißt nicht untätig sein. Neben der Klage geht es um die Bewahrung der Hoffnung, dass uns Gott weiter im Blick hat. Dass er uns sieht und wahrnimmt. Er hat sich nicht zurückgezogen. Gott nimmt unsere Klagen und Vorwürfe ernst. Ist deine Schöpfung wirklich gelungen? Verhungernde, strebende, leidende Menschen sprechen doch eine ganz andere Sprache. Gott hört und sieht, wie wir sein Schöpfungswerk verwalten, es mit Leben füllen – oder zerstören. Und er ist – lernfähig. Er kann sich ändern. Hin von einem strafenden und vernichtenden Gott zu einem liebenden und vergebenden Gott. Er lässt es Weihnachten werden.
Wir kennen unsere Fehler und ändern uns nicht. Wir haben sein Wort gehört, seinen Auftrag kennen wir, doch wir versagen. Es waren nicht nur die anderen, und – es war vor allem – nicht allein Gott!

Gott sieht uns weiter an. Er schaut vom Himmel herab. Er zerreißt den Himmel, er lässt Gewaltiges unter uns geschehen. Darauf warten wir. Wie aber sehen wir uns an? Wen nehmen wir wahr, wen halten wir für uns wichtig, vor allem, wenn er sich selber als Christ bezeichnet? Wer ist anerkannt und angesehen? Welche Maßstäbe gelten für uns? Nehmen wir Gott beim Wort, er tut es mit uns auch. Klagen wir nicht nur Gott an, dass er sich verbirgt. Sondern trauen wir ihm zu, dass er unser Vater sein möchte. Und gestalten wir darum unser Leben aus dieser Hoffnung, die sich nicht allein gelassen weiß. Lassen wir uns nicht vom Augenblick der Not gefangen nehmen, ohne Gottes Eingreifen in unser Leben in der Vergangenheit wahrzunehmen – und dann auch hoffentlich in der Zukunft. Wir sind getauft, das ist doch eine unglaubliche Zusage an uns, von Gott her, wenn er uns dadurch sein Wort gibt und gegeben hat.

Nicht im Sturm, in Gewittern, also Aufsehen erregenden Ereignissen kommt Gott, gibt er sich uns zu erkennen. Er kommt in der Stille. Er ist in der Berührung, die der Taubstumme spüren darf. Er breitet die Arme aus, wenn der Sohn wieder heimfindet. Es sind diese unauffälligen, aber aufrichtigen Gesten der Zuwendung Gottes. Die jeder spüren kann und darf, der bereit ist sie wahrzunehmen. Der warten kann, aktiv, indem er sich Gottes Zuwendung öffnet und anvertraut. Es ist unsere Hoffnung, dass letztendlich Gott siegt. Manches Schwere kann so überwunden und getragen werden. Dies gibt uns den Raum um unsere Schwächen und Verletzbarkeit einzugestehen und zu zeigen, ohne uns schämen zu müssen. Dies kann auch Schwerkranken Kraft geben, trotz allem das zu tun, was ihnen möglich ist. Und gibt uns allen den langen Atem, der beim Warten nötig ist. Und darum, liebe Gemeinde, dürfen wir Gott so angehen wie ein Kind. Jesaja lädt uns dazu in der Adventszeit ein, ermuntert uns zu rufen: Reiß auf deinen Himmel, hilf uns noch heute! Zeig uns, was noch kein Ohr gehört und kein Aug gesehen hat!
Amen