Predigt zu Jesaja 2, 1-5 am 8. Sonntag nach Trinitatis,
06.08.2017, Spaichingen

Liebe Gemeinde!
Ein Völkerwallfahrtslied, zum Berg Zion, zum Berg des Herrn! Und Jerusalem wird als Ziel dieser großen Wallfahrt der Völker genannt. Welch großartige Bilder enthalten diese Aussagen des Propheten Jesaja, was lösen sie nicht alles in uns aus! Fast jeder von uns verbindet an der einen oder anderen Stelle ein Ereignis in seinem Leben mit diesen Bildern und Aussagen, hat selber „seine Geschichte“ mit dem einen oder anderen Bildwort. „Schwerter zu Pflugscharen“, es ist das Symbol der frühen Friedensbewegung. Nicht erst, als Anfang der 80er Jahre die Friedensbewegung in der damaligen DDR dieses Wort zu ihrem Erkennungszeichen machte – und zu Staatsfeinden erklärt wurden, mit allen Konsequenzen. Später dann, bei jeder weltpolitischen Krise, als begonnen wurde die stetig anwachsenden Massenvernichtungsmittelarsenale zu reduzieren, gar zu vernichten. Da wurden immer wieder Mahnungen laut, die sich heute als aktueller denn je erweist. Oder das „Friedensreich“, wie oft wurde nicht schon darüber gesprochen, davon geträumt, gab und gibt es Menschen, die diesen Traum verwirklichen wollen – dabei rückt ein allumfassender Friede in immer weitere Ferne! Denn Frieden, der allein durch Macht gesichert werden muss, gar durchgesetzt werden muss, verdient diesen Namen im Grunde nicht. Vor allem, wenn Krieg als notwendiges Übel zur Erhaltung des gefährdeten Friedens geführt wird. Alle werden von der Weisung des Gottes Jakobs, also auch unseres Gottes, so angezogen sein, dass sie, wie bei einer Wallfahrt, zum Berg Zion kommen, wie magisch angezogen. Dem Berg der Gesetze, der 10 Gebote! Wenn dem doch so wäre! Und wandeln im Licht des Herrn, also in der Weisung Gottes, nach seinem Wort - doch wo ist dies unter uns heute denn zu erkennen, zu sehen?
Es sind Gedanken, die mir beim Lesen und Hören dieser Aussagen kommen. Sie liegen auf der Hand, drängen sich geradezu auf. Und doch müssen wir uns von ihnen zunächst lösen um uns ganz offen auf dieses großartige Verheißungswort des Jesaja einlassen zu können.

„Es wird zur letzten Zeit“, damit beginnt der Prophet seine Verheißung. Es sind nicht nur Pessimisten, die davor warnen, dass wir uns in dieser „letzten“ Zeit befinden, ob wir dem nun zustimmen oder nicht, darüber gar spotten oder uns dem ernsthaft stellen. Endzeit? „Es ist 5 vor 12“, eine uns allen bekannte Aussage, im Blick auf – auf so vieles. Im Blick auf unsere Umwelt, der Klimawandel ist nicht mehr zu leugnen, unsere Ausbeutung der Erde und ihre Zerstörung, wir leben auf Kosten nachfolgender Generationen, auf den Zustand der Welt, auf die Wirtschaft, in diesen Tagen der in die Kritik geratenen Autoindustrie, dem Dieselskandal, deren Machtmissbrauch, der zunehmenden Überbevölkerung, der, ob tatsächlich oder nur befürchtet, Überfremdung in unserem Land, immer wieder heißt es, dass es fast schon zu spät ist um zu handeln. Denn da sind es sogenannte Marktgesetze, die alles bestimmen, die Globalisierung, ein ganz neues Zeitalter mit seinen eigenen Gesetzen - stehen wir erneut unter dem Gesetz, als ob es Jesus Christus nie gegeben hätte, als des Gesetzes Ende? Er hatte doch schon, vor 2000 Jahren, von einer neuen Zeit gesprochen, die uns durch Gott angesagt ist.
Dennoch oder trotzdem sind es heute wieder, ich nenne sie einmal pauschal „Unheilspropheten“, die mit der Angst der Menschen gute Geschäfte machen. Bereitet euch gut vor, denn sonst ist alles aus. Gar der Niedergang des Abendlandes wird vorhergesagt, wenn er nicht schon begonnen hat. Verbunden ist dies mit dem Aufkommen einer ganz neuen „Religiosität“, was mit Religion aber gar nichts zu tun hat. „Es wird zur letzten Zeit“, es ist wichtig und dringend geboten, dass wir diesen Befürchtungen, Ängsten nicht ausweichen, sondern uns diesen Zeitansagen stellen. Weil unser Leben von einer ganz anderen Hoffnung getragen wird, dass wir durch Jesus Christus bereits mit Gott neue Gemeinschaft haben dürfen. Dass wir nicht erst etwas leisten müssen, um vor Gott etwas zu gelten. Dass wir etwas wert sind, Gott nicht egal sind, egal, wie düster unsere Welt gemalt wird. Zur letzten Zeit, das heißt, jetzt, heute wird es noch nicht sein, aber es liegt auch nicht so weit in ferner Zukunft, dass es nicht Bezug zu unserer Gegenwart hätte.

„Dies ist es, was Jesaja geschaut hat“. Jesaja hat eine Vision. Er sieht etwas. Nicht, dass er allein Gottes Wort gehört hätte. „Mit 17 hat man noch Träume“, ein alter Schlager. Kindern und Jugendlichen gesteht man noch Träume zu. Aber bereits jungen Erwachsenen wirft man es vor: „Träum nicht, stell dich dem Leben! Das ist schwer genug!“ Warum eigentlich? Haben wir keine Träume mehr? Sicher, Träume sind nicht immer gleich Visionen, aber beides weist nach vorn. Erwartet, erhofft etwas von der Zukunft. „I have a dream“, das waren berühmt gewordene Worte von Martin Luther King, der versucht hat seine Träume mit Leben zu füllen. Sie Wirklichkeit werden zu lassen. Und er hat dadurch etwas bewirkt. Bewegung in tödliche Erstarrung gebracht. Haben wir noch Träume? Haben wir Visionen? „Was du träumen kannst, das kannst du auch tun“, gerade von Walt Disney müssen wir uns dies sagen lassen! Visionen, wofür ist unser Glaube noch gut, wozu brauchen wir noch Kirche? Wer will unsere Botschaft noch hören? Diese Fragen stehen für uns so sehr im Vordergrund, dass sie es sind die nach außen wirken, und keine Visionen, gar Träume, von einer gerechteren, friedvolleren Welt.
Ich mag diese Bedenken nicht mehr hören. Denn mit ihnen widersprechen wir uns selber. Wir machen unseren Glauben unglaubwürdig. Die Hoffnung, die uns trägt und prägt, dass der auferstandene Christus uns hält, uns Leben gibt, unserem Leben Sinn und Richtung schenkt, diese Botschaft wird durch unsere Mutlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Bedenkenkrämerei zugedeckt. Wir haben keine Visionen mehr wie Jesaja. Die packend wirken, die neue Zukunft auslösen können, die uns zur Überzeugung kommen lassen: Wir können es schaffen, weil Christus uns dazu befähigt. Sicher, Visionen, sie verwöhnen nicht, sie streicheln nicht, sie steigern nicht nur unser Wohlbefinden. Sondern sie fordern uns heraus, sie regen uns an, möchten uns zum Handeln bewegen.

Haben wir, wie Jesaja, noch Visionen? Diese urchristliche Lebenshaltung, das ist für mich interessant, ist uns von Wirtschaftsmanagern abgeschaut worden. „Vermittle deinen Mitarbeitern Visionen, lebe sie vor, so werden sie sie übernehmen und versuchen, sie Wirklichkeit werden zu lassen.“ So ein Wirtschaftsboss, gedacht für diejenigen, die selber Chef werden wollen. Nicht fordern, sondern hineinnehmen in eine Vision, so dass sie selber den Wunsch haben, dass daraus Wirklichkeit wird.
Jesaja hat eine solche Vision. Er gibt sie als Verheißungswort seinen Zuhörern weiter, die sich in einer bedrückenden Lage befanden. Israel gab es nicht mehr, das Reich war aufgeteilt, erobert, besetzt, nur noch Jerusalem gab es noch als relativ eigenständiges Machtzentrum. Die Zuhörer meinten klug zu handeln, indem sie ständig strategische und politische Bündnisse mit Machthabern suchten, von denen sie Hilfe erwarteten. Darum geht es aber nicht. Sondern lasst eure menschliche Klugheit beiseite und glaubt an die Hilfe eures Gottes. Vertraut auf ihn! „Der Berg des Herrn, worauf sein Haus steht, wird fest stehn, höher als alle Berge.“ Alles ist hinfällig, in Bewegung, Gottes Berg aber bleibt. Höher, überragend, so dass alle ihn sehen werden, aufsehen zu ihm, und kommen werden. Wer Jerusalem kennt weiß, dass es höhere Erhebungen um Jerusalem gibt als diesen Berg Zion. Wenn wir überhaupt von Berg sprechen können. Doch dieser Ort steht für etwas anderes, er steht für Gott selber. Zu dem alle aufsehen werden. Erhaben, beeindruckend, großartig. Wer einmal in den Bergen war, weiß wie dieser Blick einen ergreifen kann, ob wir es wollen oder nicht. Erklärungen können dieses Phänomen nicht fassen. Und so steht der Berg Zion da. Glaubt daran, hofft darauf! Alles andere hat keinen Bestand.

„Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Haus Gottes, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen:“ Nicht wir, die wir an Gott glauben, werden so sprechen. Die Heiden werden es. Die Spötter und Gottesleugner, die nichts glauben. Nicht wir rufen sie, die Weisung des Herrn wird an sie ergehen. Und sie kommen, angezogen von diesen Worten, die mehr bedeuten. Leben bedeuten, Sinn für unser Leben. Die befreien von Angst, von den Grenzen unseres Lebens. Gott selber spricht so faszinierend, so anziehend und begeisternd, dass sich dem niemand entziehen kann. Was für eine Verheißung, in einer Zeit der Depression, der Traum- und Visionslosigkeit, des Niedergangs – auch an uns! Nicht wir, Gott selber handelt und zieht an. Auch – durch uns!

„Kommt nun, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“ Die Thora, die 10 Gebote werden als Licht des Herrn verstanden. Darum kommen sie, sie wollen ihr Leben verändern. Es geschieht nicht durch Unterwerfung, Macht und Unterdrückung, sondern durch Gottes Ausstrahlung, der sich niemand entziehen kann. Es ist seine überzeugende Botschaft, die lockt, freiwillig sich auf den Weg zu machen. Und dann entsteht eine neue, weil versöhnte Gemeinschaft unter den Völkern, wo es keinen Krieg mehr gibt. Aus Lebenzerstörendem ist Lebenerhaltendes geworden. Gottes Recht und seine Weisung verhilft dazu. Aus Angriffswaffen, die zerstören, die Blut und Tränen hervorrufen, werden Gartengeräte, die Leben fördern, die notwendige Lebensmittel herstellen helfen, in Freude, ohne Angst. Friede ist die Frucht der Gerechtigkeit.

Liebe Gemeinde, diese Verheißung, diese Vision, sie macht uns frei, heute schon. Sie ergeht an uns und hat ihren Ort unter uns, in dieser Welt. Wir schauen auf zum Berg Golgatha, auf dem Jesu Kreuz steht – von daher kommen wir. Mit neuer Hoffnung, neuem Leben. Mit dem Mut, der aus der Hoffnung erwächst, konkrete Schritte zu tun, um aus dieser Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Nicht mit Krieg als notwendigem Übel. Sondern in Versöhnung, die den Krieg nicht kennt. Mit einer Hoffnung, die hofft, wo nichts zu hoffen ist. Lassen wir unsere Träume zu, nehmen wir Visionen ernst, die vom Frieden, vom Leben reden – und handeln wir danach. Und stellen wir diese Friedensvision gegen die Unheilspropheten unserer Zeit. Den Ängsten und der Mutlosigkeit. Weil wir durch Jesus Christus neues Leben erhalten haben. Haben wir also nicht nur „mit 17“ Träume. Dass Gottes Wort durch uns nichts an seiner Ausstrahlung verliert, die andere anlockt.
Amen