Trinitatis 2017, Goldene Konfirmation, Predigt zu

Jesaja 6, 1-13, Spaichingen

 

Liebe Goldene Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Ich kann es manchmal nicht mehr hören, wenn darüber geklagt wird, dass früher alles viel besser war. Gerade auch beim Gottesdienstbesuch. Was wird sein, fragte vor Kurzem eine Seniorin, wenn wir nicht mehr sind? Wir gehen noch in die Kirche. Aber wer kommt dann in den Gottesdienst? Unsere Landeskirche macht sich Gedanken, wie es mit unserer Kirche weitergehen kann, weil die Gemeindegliederzahlen zurückgehen und gleichzeitig nicht ausreichend Pfarrernachwuchs da ist. Wie sollen alle Stellen in ein paar Jahren besetzt werden? Doch diese Fragen und Klagen sind nicht neu. Schon Luther klagte über den schlechten Besuch des Gottesdienstes in Wittenberg. Fakt ist, dass ungefähr zwei bis drei Prozent all unserer Gemeindeglieder den Gottesdienst besuchen. Doch macht es Sinn auf die zu schimpfen, die heute hier sind? Haben vielleicht nicht doch die Recht, die nicht gekommen sind? Denn was kann mir eine Geschichte heute sagen, die von etwas erzählt, das knapp 3000 Jahre zurückliegt, also uralt ist, unverständlich – ist sie für uns von Bedeutung?

 

Wir hören, was einer im Tempel zu Jerusalem erlebt. In einer Zeit der Krise. Der alte König ist nach 52 Jahren Regentschaft verstorben. Und dieser eine ist der junge Jesaja. Er hat ein besonderes Erlebnis, wir sprechen von einer Vision: Er sieht, wie der Tempel angefüllt ist, nicht mit Gott, nur mit dem Saum seines königlichen Gewandes. So groß ist Gott, dass der große Tempel gerade einen Zipfel seines Kleides fasst. Er sieht schlangengleiche Wesen mit einem Menschenkopf, sechsflügelig. Mit zweien bedecken sie ihre Augen, damit sie nicht blind werden vor Gottes Herrlichkeit; mit zweien bedecken sie ihre Füße, Gottes Herrlichkeit soll nicht durch Alltägliches, Staubiges beeinträchtigt werden und mit zwei Flügeln fliegen sie. Und sie rufen und singen laut: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen! Alle Lande sind seiner Ehre voll.“ So laut ist ihr Gesang, dass die Schwellen des Tempels erbeben und das ganze Gebäude in seinen Grundfesten erzittert.

 

Mit seiner Vision greift Jesaja über unsere Wirklichkeit hinaus, wie wir sie sehen können. In unserer Wirklichkeit ist noch eine ganz andere Wirklichkeit verborgen, unsichtbar und doch da. Und diese Wirklichkeit Gottes ist unfassbar groß, erschreckend und gefährlich. Alles Reden vom lieben Gott, von dem, der gütig und verständnisvoll ist, gar wie ein gütiger Großvater, ist unzureichend. Ist eine Selbstberuhigung der Menschen. Vor allem verharmlost den biblischen Gott. Seine Wirklichkeit ist größer, anders, umgreifender, als wir es je fassen, gar begreifen können.

     Liebe Gemeinde, bei jedem Gottesdienst, den wir gemeinsam feiern, setzen wir uns dieser Wirklichkeit Gottes aus. Ohne es zu ahnen lassen wir uns auf das Kraftfeld von Gottes Wirklichkeit ein und unterliegen damit der Gefahr, dass sie uns genauso begegnet wie Jesaja. Selbst wenn es für uns sicher nicht so lebensgefährlich wird wie für Jesaja damals, allein die Tatsache, dass wir uns in dieses Kraftfeld begeben, wird uns nicht unverändert lassen. Denn wir hören, wir denken nach, wir sehen. Das spürt Jesaja. Darum sagt er: „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk unreiner Lippen“.

Was sagen wir, was empfinden wir? Hat sich die Welt seither so zum Guten verändert, dass wir nicht mehr erschrecken müssen? Oder ist das Erschrecken über den Zustand der Welt, unsere Gesellschaft, der Menschen schon so nebensächlich, dass Gott überhaupt nicht mehr in den Blick kommt? Sind darum unsere Gottesdienste oder auch Veranstaltungen schlecht besucht, weil Gott nicht mehr gebraucht wird?

Jesaja erkennt bei sich und anderen leichtfertiges Gerede über Gott, verharmlosende Witzeleien, und, was ich als weit schlimmer erachte, gleichgültiges Verschweigen der Wirklichkeit Gottes. Wir reden über alles Mögliche, nicht aber über Gott und seine Welt. Weil auch wir ihm nichts mehr zutrauen.

 

Jesaja bleibt am Leben, er stirbt nicht, aber er wird schmerzhaft gereinigt. Mit einer der glühenden Kohlen der Rauchopferaltäre fliegt eines der Wesen auf ihn zu und presst die Kohle auf seine Lippen. Müssen wir da nicht eher warnen vor dem Besuch des Gottesdienstes: „Wer hier hineingeht, sich dem Kraftfeld dieses Gottes aussetzt, kommt als gebranntes Kind wieder heraus. Er wird langsamer und bedächtiger reden, eher zögerlich. Weil er zuerst nachdenkt, bevor er redet. Weil er nicht einfach so daherreden will, oberflächlich über alles hinweggeht. Sondern möchte das verantworten können, was er sagt. Ist nicht mehr fähig zum gesellschaftlichen Geplapper, hohlen Gerede. Denn seine Lippen brennen, für Gott, seine Liebe, seine Barmherzigkeit. Seine neumachende Vergebungsbereitschaft.“

 

„Wen soll ich senden? Wer will mein Bote sein?“, so fragt die gewaltige Stimme, und Jesaja weiß: Das ist Gottes Stimme. Und er antwortet mit seinem verbrannten Mund: „Hier bin ich. Sende mich!“

Liebe Gemeinde, ist das mit uns und unserer Zeit überhaupt noch zu vergleichen? Ist das eine veraltete, nicht mehr gültige Geschichte? Schön zu hören – oder auch nicht – und das war‘s dann! Also auch ohne Bedeutung für uns heutige Menschen? Ja und nein, ist hier die Antwort. Sie ist unvergleichbar, weil Gottes Geschichte mit uns Menschen weitergegangen ist. Gott hat sich noch ganz anders offenbart, als es die Offenbarungsgeschichten des Alten Testaments erzählen. Er kam uns Menschen hautnah, er schlüpfte in unsere eigene Haut und wurde in Jesus Christus Mensch. Gott wurde greifbar, er bekam ein Gesicht. Und Menschen wurden berufen, ihm zu folgen, seine Boten zu sein. Andere ertrugen die Nähe Gottes in seinem Sohn nicht. Sie schlugen Jesus ans Kreuz. Aber Gott hat ihm Recht gegeben, seine Worte und Taten beglaubigt und ein neues Leben geschenkt, das den Tod schon hinter sich hat. Die Apostel haben den Gekreuzigten als Lebendigen erlebt, und jede Erscheinung des Auferweckten hat den, dem sie geschenkt wurde, aus Depression und Verzweiflung herausgerissen und zum Boten berufen – so wie hier Jesaja.

 

Die Erscheinungen des Auferstandenen haben aufgehört. Die Nähe Gottes hat nicht aufgehört. Darum feiern wir Pfingsten, das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes. Ist nicht das, was wir Gottes Geist bezeichnen, Gottes unsichtbare Kraft, die immer gegenwärtig unter uns ist? Und vielleicht darum ist Jesajas Geschichte uns dann doch nicht so fern, wie wir vielleicht denken. Wir alle sind hier, weil wir, nicht mit Jesaja zu vergleichen, auf welche Art auch immer angerührt sind von der anderen Wirklichkeit Gottes, von seinem Geist. Dass wir sagen können, Gott ist in unserem Leben und es gibt nichts, wo wir ihn ausschließen können. War das Ihnen bewusst, als sie konfirmiert wurden? Ist es ihnen heute, 50 Jahre später, bewusst? Oder wie stehen wir anderen dazu, dass Gott im Grunde nicht ausgeschlossen werden kann aus unserem Leben. Er ist einfach da, wo wir auch sind.

Doch die Anfrage an uns bleibt: „Wo bist du? Was machst du? Willst du mein Bote sein?“ Und immer wieder müssen wir erfahren, dass wir, ganz auf uns geworfen, nicht nur stark und Fehlerfrei sind, dass wir schuldig werden oder geworden sind – und trotzdem lässt Gott uns nicht fallen.

 

Vergebung, Reinigung, Heilung – egal, wie wir es nennen, es lässt sich nicht in einem Begriff fassen. Es ist ein innerer Vorgang: alle Sicherheiten sind weg, gleichzeitig eröffnet sich etwas Neues. Wir bleiben der oder die Alte, und doch ist alles anders, finden wir uns in einer völlig veränderten Welt wieder. Das bedeutet Glaube. So glauben wir, manchmal zögernd, aber wir glauben. „glauben“ heißt, mit Gottes Lebendigkeit in meiner Welt rechnen. Es geht nicht ohne Gott, weil einfach nichts ohne Gott ist. Und darum sind Sie und ich heute hierhergekommen, anders als die vielen anderen, die daheim geblieben sind. Und dies bestätigt jeder mit seinem Ja, wenn er konfirmiert wird.

 

Und, ich behaupte, wenn wir nachher hier weggehen, dann gehen wir nicht nur verändert durch Gottes Wirklichkeit, sondern werden auch realistischer. Wenn schon dem Propheten der unmögliche Auftrag gegeben wird, zu verkünden, um dabei nur auf verschlossene Ohren zu treffen, vergeblich zu mahnen und zu warnen, die Katastrophe nicht verhindern, sondern sie immer nur ankündigen kann, wie soll es dann mit unserem Verkündigen und Vorleben aussehen? Wer weiß von uns schon, dass es gut so ist, wenn wir auch nichts bewirken. Weil Gott sein Schweigen nicht bricht und seinen Zorn ausgießt über uns. In unserem Land haben frühere Generationen schmerzlich erleben müssen, wohin Verblendungen führen. Ein ganzes Volk verblendet ist. Sind wir heute immun vor Verblendungen? Sie sind aktueller und vielfältiger denn je, viele sehen sie, sehen die Abgründe, in die sie führen, und wir bewegen uns dennoch zielstrebig darauf zu. Bis wir fallen. Liegt es daran, dass immer mehr Menschen die Augen verschließen vor der Wirklichkeit Gottes? Die so anders ist als unsere?

 

Dennoch gehen wir, so seltsam dies für manche klingen mag, nachher wieder nach Hause als die, deren Stimmen, wie auch immer, mit im Chor der Engel gesungen haben. Vor dem Abendmahl stimmen wir in ihren Gesang ein: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“ Und wir erfahren oder erahnen es zumindest: Gott braucht uns nicht, aber er will uns brauchen. Wir sind für Gott nicht nötig, aber er kann jede Not wenden.

„Geh hin und sprich“, so hört Jesaja. Wir haben anderes zu sagen als er, aber dieses: „Geh hin und sprich“ – ist als Auftrag nach wie vor gültig, für uns alle. Nicht von der Verstockung sollen wir reden, aber von dem, was wir mit Gott erlebt haben, vielleicht sogar in diesem Gottesdienst. Sprechen wir vorsichtig und nicht vollmundig, sprechen wir als die oder der, deren Mund für Gott brennt. Und widersprechen wir, wenn alle meinen, dass es Gott nicht gibt. Und wenn, dann hätte er uns heute nichts mehr zu sagen.

Widersprecht, damit, wenn es einmal mit uns allen aus ist, Gott ganz neu anfangen kann, mit irgendeinem kleinen Rest!

Amen