Predigt zu Markus 10, 17-27 am 18. Sonntag nach Trinitatis in Spaichingen, 15. Oktober 2917

 „Das Kamel ist bei vielen Völkern Symbol der Nüchternheit und Mäßigung, aber auch des schwierigen, oft hochmütigen Charakters … Augustinus hatte das Kamel als Bild der Geduld und Demut zum Modellbild für den im Leben geplagten und mit Lasten beladenen Christen beschworen. Andere aber erblicken in ihm das Bild der Trägheit.“
Liebe Gemeinde, so können wir es aus dem „Lexikon der Symbole“ von Herrn Mohr lesen. Doch auch wenn wir dies wissen, fühlen wir uns dennoch nicht ganz wohl in unserer Haut, wenn wir diese Verse hören. Manche fühlen sich angegriffen. Da kommt einer zu Jesus, nicht nur das, er kniet vor ihm nieder, er erkennt, dass Jesus über ihm steht, er unterwirft sich ihm, und er stellt ihm eine Frage. Eine, die sicher nicht alle sofort vom Stuhl reißt, weil uns andere, dringendere Fragen beschäftigen und umtreiben: Die Frage nach dem ewigen Leben. Wir wollen doch heute leben, wir wollen es doch heute gut haben. Nicht erst in für uns nicht absehbare Zeit. Ewiges Leben, danach fragt dieser junge Mann. Dies möchte er erlangen. Sich erarbeiten. Er möchte, so können wir es übertragen, einen Garantieschein dafür bekommen, wozu und für was er alles tut. Sich anstrengt im Leben.

Und auch wir möchten immer wieder alle einmal dies gerne hören, suchen nach Bestätigung: Du lebst so und so, darum – darfst du dies oder jenes für dich und dein Leben erwarten. Ich gebe immer wieder für Hilfsprojekte, spende in Notfällen, auch größere Geldbeträge, das sollte doch berücksichtigt werden. Ich achte auf meine Nachbarschaft, darum sollten sie mich doch respektieren, wenn ich einmal etwas Besonderes vorhabe. Ich unternehme alles, vor allem, was ich kann, damit es anderen gut geht - und wenn ich dann gefragt werde, was hast du vorzuweisen, dann sollte dies doch gesehen und gewertet werden – ich bemühe mich darum ein gutes Leben zu führen, wo bleibt da der Gewinn?

Wir kennen uns und alle anderen, die für ihren Beruf leben, rund um die Uhr ist Arbeit angesagt. Nicht nur bei denen, die in Betrieben oder sonst wo auswärts arbeiten, auch bei der Mutter, bei den Helfern daheim, stillschweigend, immer auf dem Sprung, immer bereit, immer im Einsatz, wie oft das Telefon auch klingeln mag. Immer ist etwas los, ein Termin folgt dem anderen, Stress, ein Wort, das niemand mag, das aber unser Leben zunehmend bestimmt. Und dann, wenn man nachfragt, wie geht es – und es sollte doch allen gut gehen, alle sollten zufrieden und glücklich leben können – erfährt man, es geht gut, aber dann doch nicht gut! Im Grunde, will man es denn tatsächlich wissen oder erfährt man es wirklich, wie es dem anderen geht? Ich erfahre meist eben doch nicht, wie es um den anderen wirklich steht. Warum eigentlich nicht? Darf ich nicht sagen, wie es mir geht, oder geht es mir, wie vielen anderen und ich möchte deswegen nicht klagen? Was kann und darf ich sagen – und vor allem, wie wird es von meinem Gegenüber aufgenommen?

Einer kommt zu Jesus, der im Grunde mehr als genug hat, aber er spürt in sich eine Leere, er möchte Leben wahrnehmen und gestalten, und er spürt selber, dass es so nicht geht. Darum kommt er zu Jesus. Und er erklärt, dass er allen Geboten gerecht wird. Dazu stehe ich, das tue ich, dafür stehe ich ein. Ich halte mich an alles, was die Gebote fordern. Und vielleicht noch mehr als das, was von mir verlangt wird. Und doch möchte ich das ewige Leben erlangen. Was muss ich tun? Und Jesu Antwort ist dann eher ein Hinweis auf das, was im Leben wichtig ist. Ich meine, er möchte sicher nicht, dass jeder sein Hab und Gut einfach herschenkt, sie können gerne darüber mit mir streiten, es geht um etwas anderes: Wie können wir unser Leben so gestalten, dass alle zufrieden leben können? Weil die, die haben, auch einmal auf dieses Haben verzichten können, ohne selber dabei hungern zu müssen. Niemandem wird sein Reichtum zur Last gelegt oder gar vorgeworfen. Um was es Jesus geht, ist die Sicht auf andere. Auf meine Nächsten, meine Mitmenschen. Wie geht es ihnen und, was kann ich hier für sie tun?  Und wer von ihnen möchte denn zu denen gehören, die nicht durchs Nadelöhr passen?

Der junge Mann soll das aufgeben, was bisher sein Leben bestimmt hat – er hat Geld, er kann im Grunde alles tun, was ihm gefällt, kann sich alles leisten. Und diese Lebenshaltung und Einstellung soll er nun grundlegend hinterfragen und –aufgeben, herschenken? Verstehen sie seine Reaktion – ich kann sie sehr gut nachvollziehen. Er soll alles einfach aufgeben, was bisher sein Leben ausgemacht und bestimmt hat. Seinem Leben Sicherheit gegeben hat, Halt bedeutet hat.
Was gibt uns Sicherheit, Halt im Leben? Was Sinn und Inhalt? An was machen wir unser Dasein und Leben fest? Nicht auch an dem, was das Leben des jungen Mannes getragen hat, vor allem die beruhigende Sicherheit, ich habe genug auf dem Konto, da kann kommen was mag. Doch kann wirklich kommen, was mag? Wenn Jesus antwortet, dass eher ein Kamel durch das Nadelöhr geht, als sonst jemand, dann spricht das Bände. Denn wer von uns kann dann zu Jesus, zu Gott kommen, wem ist es tatsächlich vergönnt, bei Gott aufgenommen zu werden? Es ist leichter, dass ein Kamel durchs Nadelöhr geht, damit spitzt Jesus seine Aussage zu. Bringt sie sehr pointiert auf den Punkt. Provoziert er, damit wir durch diese Störung ins Nachdenken kommen. Damit sind wir bei dem, was Leben ausmacht. Was vor allem unsere Verantwortung ausmacht. Und da gibt es Einiges, was wir bisher versäumt haben klar zu stellen, vor allem unsere Lebenseinstellung an seiner Forderung auszurichten. Zumindest darüber nachzudenken. “Eines fehlt dir. Geh hin und verkaufe alles, was du hast, und gib‘s den Armen, dadurch erhältst du einen Schatz im Himmel – und dann komm, und folge mir nach!“

Komm, und folge mir nach, liebe Gemeinde, darum geht es. Doch wer möchte schon jemanden nachfolgen, der ihm nicht angemessen erscheint? Wer möchte von uns eine Bundeskanzlerin, einen Bundeskanzler unterstützen, den er oder sie gar nicht wollte? Wo stehen wir, wenn es heißt, komm und folge mir nach?
Der junge Mann erklärt, dass er alle Gebote einhält, dass er alles beachtet, was ihm die religiösen Gebote vorschreiben. Er lebt nach dem, was in der Bibel geschrieben steht: Du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsch Zeugnis reden und niemand berauben. Dabei ehre immer Vater und Mutter. Er tut also alles, mehr als alles, wie er versichert, als man tun sollte. Und das soll immer noch nicht ausreichen? Was also sollen wir noch tun? Ich frage ganz bewusst danach. Denn es geht um unser Leben, nicht um etwas anderes.

An wen oder was hängst du dein Herz? Liebe Gemeinde, dies ist die entscheidende Frage, an der wir unsere Fragen und Auslegungen ausrichten und orientieren sollten. An was oder wen hängen sie ihr Herz? An die Altersvorsorge, die sie vor kurzem abgeschlossen haben, weil ja die Renten nicht mehr sicher sind? Oder an ihr Erspartes, das ja in unseren Tagen auch nicht mehr sicher ist, weil, man weiß ja nicht, was noch alles kommt? An die Gesundheit, an die Jugend, an meine Arbeitskraft, an Schönheit? Oder dass es uns doch ganz gut geht mit dem, wie es gerade ist? An was hängen wir unser Herz?

Liebe Gemeinde, wir sollten von dem abkommen, was ich gerade geschildert habe. Wir sollten von materiellen Dingen abkommen. Wir sollten unser Herz – an Menschen hängen. An unsere Beziehungen, an unser Bemühen um Frieden, an gerechte Verhältnisse, an die Sorge um ein gelingendes Leben, für möglichst alle Geschöpfe Gottes. Wenn ich mich um meine Nachbarn kümmere, mir meine Mitmenschen nicht egal sind. Wenn ich mich um lieb gewonnene Menschen bemühe, sie nicht vergesse. Denken sie noch einmal zurück, als ich vom Kamel sprach, wie auch Jesus: Vieles erscheint so leicht und ist dennoch nicht machbar, vieles erscheint so logisch, und ist doch nicht annehmbar, für die, die es betrifft, vieles erscheint einfach nur verständlich und nachvollziehbar - und dennoch unternimmt niemand etwas. Warum nicht?

Genau hier sind wir an unserem Predigttext, der zunächst so einleuchtet, und dennoch für viele so schwierig und wenig überzeugend erscheint. Der junge Mann möchte etwas tun, aber er hängt an dem, was sein Dasein ausmacht. Er – oder vielleicht auch sie, wir – hängen an dem, was sie sich erarbeitet oder ererbt haben. Was das Leben so selbstverständlich und sicher macht. Und dabei hängen wir meist an – äußerlichen Dingen! Und sicher, sie tun uns allen gut, wir brauchen sie, sie geben uns Sicherheit, manchmal auch Zufriedenheit, aber - was macht unser Leben aus? Mit was stehen wir vor anderen ein?
Er ging traurig davon. Weil er wusste und spürte, ich kann nicht so weiter leben wir bisher. Ich muss mein Leben verändern. Weil er dies nicht konnte, oder es für ihn unmöglich erschien, ging er so deprimiert davon. Wie sehen wir unser Leben und wie würden wir davongehen? Es ist immer einfach zu fragen, liebe Gemeinde, aber es ist schwer sich zu verändern, gar zu handeln.

Für andere einzustehen, für andere da zu sein, dieses Gebot kennen wir. Aber verhalten wir uns danach? Liebe Gemeinde, auch mir fällt es schwer konkret zu werden, denn auch ich bin hier angesprochen und gehöre dazu, zu den Angesprochenen. Jeder von uns kann für einen in der Familie einstehen, egal wie es um sie oder ihn steht. Wir dürfen nicht nur unseren Finger erheben, wenn es einem mehr als gut geht, auf Kosten von anderen. Sondern wir sollten darauf achten, wie wir uns, alle gemeinsam, für andere einbringen. Passt das dann, oder fehlt etwas? Die Gebote halten, das möchte niemand einem anderen absprechen, sicher nicht, aber wie ich selber mein Leben gestalte und damit auch anderen zum Vorbild werde, darüber kann ich nicht diskutieren, das ist einfach offensichtlich. Liebe Gemeinde, auch im Blick auf das Abendmahl, wer oder was bestimmt unser Leben? Und über wen oder was fällen wir unser Urteil? Denken wir daran, dass uns Großes vorgegeben ist und wir oft nur zu Kleinem im Stande sind. Und dass wir selbst bei diesem Kleinem auf Gottes Hilfe angewiesen sind.        
Amen