Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis, 09.09.2018, in Spaichingen zu Galater 5, 25.26 + 6,1-3.7-10, Vikarin Annika Brandt

Liebe Gemeinde,
der erste Vers des Predigttextes wirkt auf mich, wie eine Überschrift: „Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln“.
Die Gemeinde Galathiens lebt also im Geist. Und da sie das tut, soll sie auch in ihm wandeln. Im Geist leben, für unsere heutigen Ohren, klingt das vielleicht komisch. Geist – das klingt nach Extase, nach Geistbegabung, nach übernatürlichen Fähigkeiten. Geist – klingt nach flammendem Feuer, nach heftigem Wind. Mag sein, dass es in den ersten christlichen Gemeinden so zu gegangen ist – heute erleben die meisten Kirche anders. Ja, hin und wieder spüren wir ihn auch heute noch den Geist: Als einen Windhauch vielleicht, der etwas Erstarrtes plötzlich wieder in Bewegung bringt. Oder als Licht, das unverhofft aufflackert und einen Menschen warm macht. Der Geist scheint zarter geworden zu sein. Unscheinbarer. Er zeigt sich in einem Gedankenblitz, der eine verworrene Situation löst. Oder in einer Tür, die sich überraschend auftut. Er wohnt unter uns, und besucht uns hin und wieder– damals und heute. Er weht wie er will und entzieht sich so weise unserer Verfügungsgewalt. Und doch geht er nie ganz – er zieht uns viel mehr immer wieder zu sich. Er weckt immer wieder unsere Sehnsucht – und heute sind wir alle hier. Wir leben also doch auch heute noch im Geist. Und so lasst uns auch heute im Geist wandeln.

Schon wieder so ein Wort. Im Geist wandeln….was soll das heißen? Das griechische Wort, dass hier mit „wandeln“ übersetzt wird, kommt aus dem militärischen Bereich. Es bedeutet so viel wie „sich in einer Reihe befinden“ oder „sich in Reihe und Glied bewegen“. Im übertragenen Sinn bedeutet es: sich ausrichten an etwas oder etwas entsprechen. Paulus sagt also: Wenn wir im Geist leben, dann lasst uns unser Leben am Geist ausrichten. Wie die Soldaten sich in jedem Schritt am Oberbefehlshaber ausrichten, so sollen wir unsere Schritte am Geist ausrichten. Der Geist kann uns Orientierung geben, wohin und wie wir uns formieren sollen. Welche Wege wir gehen sollen.

Auch und gerade dann, wenn „ein Mensch – einer oder eine von uns – von einer Verfehlung ereilt wird“. Ja, sie haben richtig gehört. Dieser Vers ist tatsächlich im Passiv geschrieben. Es heißt hier nicht: „ein Mensch macht einen Fehler“. Nein: Es heißt, „ein Mensch wird von einem Fehler ereilt.“ Der Fehler kommt auf den Menschen zu, er ereilt ihn. Er erwischt ihn. Der Mensch wird vom Fehler sozusagen überrumpelt oder zumindest überrascht. Paulus verwendet hier nicht den Begriff der neutestamentlich für Sünde steht. Es geht ihm eher um die kleinen Verfehlungen, die einen im Alltag unterlaufen. Das Wort, dass mir plötzlich rausrutscht und bei dem ich erst im Nachhall höre, dass es verletzend war. Der Kommentar, mit dem ich aus dem Bauch heraus jemanden klein mache, den ich eigentlich mag. Der Fußtritt, der meinen Füßen plötzlich entfährt, da ich selbst den Halt verliere. Die Liste lässt sich fortsetzen. Und doch stellt sich die Frage: Wie umgehen mit einem Menschen, den eine Verfehlung ereilt? „Helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist,“ rät Paulus.  Jemandem „zurechthelfen“: Das griechische Wort kommt aus dem medizinischen Bereich und heißt „einrenken“. Wer von einem Fehler ereilt wurde, muss also wieder neu eingerenkt werden. Die Beziehungen müssen wieder eingerenkt werden. Die Beziehung zu mir selbst, wenn ich Schuldgefühle habe oder vor Ärger über mich blind werde. Die Beziehung zu dem anderen, den meine Verfehlung getroffen hat, und auf dessen Sanftmütigkeit ich angewiesen bin. Die Beziehung zu Gott, zu dem ich auf Grund meiner Verstrickung, nicht mehr durchdringe.

Um die Beziehungen wieder „einzurenken“ brauchen wir einander. Wir brauchen Menschen, die sanftmütig mit uns umgehen. Die in und mit unseren Fehlern sanftmütig umgehen und an uns dranbleiben. Das ist bestimmt nicht immer einfach. Verletzungen sind Verletzungen. Und auch wenn Fehler selten im vollen Bewusstsein geschehen, haben sie Auswirkungen. Ich ärgere mich vielleicht, oder ich bin traurig. Und ich neige dazu mich abzuwenden und den anderen zu verurteilen. Und dann hören wir Paulus sagen: „Und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.“ Er warnt uns und weißt uns vom anderen auf uns selbst zurück. Er erinnert uns an unsere eigene Versuchlichkeit. An unsere schwachen Momente, in denen wir uns größer machen als wir sind. An die Momente, in denen wir anfällig sind für Verfehlungen. Paulus schützt uns hier. Er bewahrt uns vor Selbstüberhöhung und Ungnade. Er erinnert uns daran, dass wir selbst täglich, ständig von Verfehlungen übereilt werden. Und er wechselt für uns die Perspektive:
Ich steige in einen vollen Zug. Es ist stickig und heiß. Junge kommen von der Mittagschule nach Hause. Ein Pärchen fährt in den Urlaub. Alles plaudert munter und zufrieden und mit großer Selbstverständlichkeit besetzt jeder zwei Plätze. Eines mit sich und eines mit seiner Tasche. Ich finde keinen Sitzplatz und ärgere mich.
Zwei Wochen später: Nach einem langen Tag steige ich erschöpft in den Zug. Eine freie Sitzbank lacht mich an. Ich setze mich und werfe meine Tasche neben mich auf den Sitz. Jetzt erstmal durchatmen. Der Zug füllt sich. Ich döse vor mich hin. „Entschuldigen Sie bitte,“ eine Hand stubst mich zaghaft an der Schulter. Ich….könnten sie vielleicht ihre Tasche vom Sitz nehmen, es gibt keine Sitzplätze mehr.“ Erschrocken schaue ich in zwei unsichere braune Augen und fühle mich ertappt. Eine Verfehlung hat mich übereilt.
„Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“ sagt Jesus zu den Menschen, die die Ehebrecherin verurteilen. Und alle lassen die Steine fallen.

Schlagartig werden sich alle ihrer eigenen Fehler bewusst. Ohne Schuld bin auch ich nicht, das spürt selbst der Zornigste, unter den Steinewerfern. Und doch, muss jemand Verantwortung übernehmen. Für die, die unter der Verfehlung eines anderen gelitten haben. Für die Verletzten, die Gekränkten, die Enttäuschten. „Einer trage des anderen Last“, mahnt Paulus an. Direkt nach seinen Ausführungen zu unseren Verfehlungen. Vielleicht lässt sich hier ein Zusammenhang herstellen. Verfehlungen sind Lasten. Sie liegen oft schwer auf unseren Schultern. Sie drücken nach unten. Sie machen Leben schwer. Für alle Beteiligten. Verfehlungen geschehen in Beziehung und sie lassen sich nur in Beziehung lösen. Darum scheint Paulus zu wissen: „Einer trage des anderen Last“ mahnt er an. Vielleicht ist dieser Satz direkt auf unsere Verfehlungen zu beziehen: Tragt des anderen Last, tragt, ertragt die Verfehlungen eurer Mitmenschen, ihre Unbeholfenheiten und Unzulänglichkeiten. Seid langmütig und habt einen langen Atem. Übt euch in Geduld miteinander. Und wendet euch in Momenten der Schuld nicht voneinander ab. Helft einander. Der der schwach geworden ist, der, dem eine Verfehlung über die Lippen kam, braucht euch.
Er braucht euch jetzt viel mehr, als in all den Momenten des Glücks oder der Zufriedenheit, die so viel leichter teilbar sind. Die leicht über die Lippen kommen, die mitteilbar sind. Für eine Wiedergutmachung braucht es immer zwei. Und manchmal ist der Verletzte trotz seiner Verletzung stärker als der Verletzer. Tragen. Mittragen. Was braucht es dazu? Vielleicht die Bereitschaft über sich selbst hinauszublicken. Den Mut mitanzupacken. „Jeder wird seine eigene Bürde zu tragen haben“ sagt Paulus ein paar Verse später. Er gibt uns hier einen Hinweis: Auch wenn wir uns unterstützen, hat jeder sein eigenes Kreuz zu tragen. Wir vergessen das manchmal und nicht selten scheint das eigene Kreuz das schwerste zu sein…

Eine Legende aus dem Mittelalter berichtet, wie Gott einmal Erbarmen hatte mit einem Menschen, der sich über sein zu schweres Kreuz beklagte. Er führte ihn in einen Raum, wo alle Kreuze der Menschen aufgestellt waren, und sagte ihm: „Wähle!“ Der Mensch machte sich auf die Suche. Da sah er ein ganz dünnes, aber dafür war es länger und größer. Er sah ein ganz kleines, aber als er es aufheben wollte, war es schwer wie Blei. Dann sah er eins, das gefiel ihm, und er legte es auf seine Schultern. Doch da merkte er, wie das Kreuz gerade an der Stelle, wo es auf der Schulter auflag, eine scharfe Spitze hatte, die ihm wie ein Dorn ins Fleisch drang. So hatte jedes Kreuz etwas Unangenehmes. Und als er alle Kreuze durchgesehen hatte, hatte er immer noch nichts Passendes gefunden. Dann entdeckte er eines, das hatte er übersehen, so versteckt stand es. Das war nicht zu schwer, nicht zu leicht, so richtig handlich, wie geschaffen für ihn. Dieses Kreuz wollte er in Zukunft tragen. Aber als er näher hinschaute, da merkte er, dass es sein eigenes Kreuz war, das er bisher getragen hatte.
Louis Charles Adelaide de Chamisso de Boncourt
(Chamisso, Adelbert von)

Es mag einem nicht immer so erscheinen und doch scheint das eigene Kreuz, das einzig tragbare zu sein. Und in den Momenten, in denen es sich nicht so anfühlt, lohnt sich ein Blick auf Jesu Christi: Er ist im wahrsten Sinne des Wortes – ein Leid-tragender. Er nimmt das Leid auf seine Schultern. Und – er hat es in seinem eigenen Leben erfahren: Verspottung, Ausgrenzung, Unverständnis. Er kann es mitfühlen und er macht es bis heute. Und doch hat er sein Kreuz getragen. Jesus Christus ist seinen Weg gegangen und seiner Berufung gefolgt. Durch alle Strapazen, durch Höhen und Tiefen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, lässt Matthäus ihn am Kreuz rufen. Auch Jesus selbst hat in den dunklen Stunden seines Lebens an Gottes Nähe gezweifelt. Und doch hat er alles ertragen. Ist er seinen Weg gegangen, hat seinen Auftrag erfüllt. „Es ist vollbracht“, lässt Johannes ihn so in der Sterbestunde rufen. Kein Leidensschrei, sondern ein Freudenschrei. Ein Schrei vor Stolz oder vor Erleichterung: Ich habe mein Kreuz getragen und habe alles vollbracht. Es ist ein einzelnes Verb, das hier steht. Und es steht im Perfekt. Das heißt, es ist in der Vergangenheit etwas vollbracht worden, was bis heute Auswirkungen hat.

Jesu Kreuzestod wirkt sich also bis heute aus. Auf uns, unser Leben und unsere Verfehlungen: Jesus Christus hat uns nicht nur vorgelebt, was es heißt sein Kreuz zu tragen. Jesus Christus trägt in seinem Kreuz all unsere Kreuze mit. Er nimmt sie uns nicht ab. Er stützt uns aber unter ihrer Last. Er lehrt uns den aufrechten Gang trotz unserer Verfehlungen. Und er fordert uns dazu auf, die Kreuze anderer nicht zu ignorieren. Er schenkt uns offene Ohren zur Anteilnahme und offene Arme zur Versöhnung. In jeder Last, in jedem Kreuz, das uns begegnet, steckt ein Teil des riesigen Kreuzes, dass Jesus bis heute trägt. Indem wir gegenseitig unserer Kreuze tragen, tragen wir Jesu Kreuz mit. Nehmen Anteil an seiner Passion, und empfangen in der Kreuzigung, die Erlösung von der Schwere unserer Last.
Amen.