Predigt zu 2. Timotheus 1,7-10 am 16. Sonntag nach Trinitatis, 27.09.2020, Spaichingen, Pfarrer Johannes Thiemann

Eingangsgebet: Herr Jesus Christus, du hast dem Tod seine Macht genommen und uns ein unvergängliches Leben verheißen. Doch wir fühlen uns in unserem Leben immer noch den Todesmächten ausgeliefert. Nimm du uns die Angst vor dem Leben und die Angst vor dem Sterben. Lass uns glauben, dass wir auch mitten im Tod zum Leben berufen sind. Schenke uns die Gewissheit, dass wir mit dir auferstehen werden zum ewigen Leben.
Amen

„Trau dich! Hab keine Angst! Auf, versuch es!“
Liebe Gemeinde, wer von uns hat diese Aufforderungen nicht schon gehört oder andere damit aufgefordert. Und immer wieder brauchen wir dies anscheinend, wollen andere damit motivieren, manchmal auch ein wenig anstoßen, in die Gänge bringen. Solche Aufforderungen wollen im besten Sinn Mut machen, wollen zeigen, dass es keinen Grund gibt, den nächsten Schritt nicht zu tun, der bisher gescheut wurde. Aus Angst zu scheitern, es nicht zu können oder sich gar zu blamieren. „Auf, du schaffst das, trau dich“! Und unausgesprochen hoffentlich mit dem Nachsatz: „Ich helfe dir, ich bin da“! Dass sich immer wieder Menschen trauen, dass Menschen es wagen, auch neue Wege einzuschlagen, etwas auszuprobieren, sehen wir alltäglich in unserer Umgebung und in der Welt. Im Leben gibt es keinen Stillstand, Leben bedeutet Bewegung. Bedeutet, nach vorn zu sehen, sich auf Neues einzulassen, Grenzen zu überschreiten. Trau dich!

Die Verse aus dem Timotheusbrief, unser heutiger Predigttext, nehmen diesen Gedanken auf, mit etwas anderen Worten. „Schäme dich nicht!“ Konkreter: „Schäme dich nicht für deinen Glauben einzustehen, dich zu ihm zu bekennen. Und schäme dich nicht für mich, für Paulus, den so schwachen Apostel“. Hier liegt die Ausrichtung stärker auf dem, was wir nicht sollen, als bei der Aufforderung, die ich an den Anfang gestellt habe. Dort liegt er im Positiven. Dass ich dem anderen etwas zutraue.
„Schäme dich nicht“, vielleicht spielt der Begriff der Scham in unserer heutigen Gesellschaft keine allzu große Rolle mehr. Wo sich fast niemand mehr für irgendetwas zu schämen scheint. Oder liege ich da falsch? Gehöre gar einer aussterbenden Generation an, die sich noch für etwas schämt. Unser Fernsehprogramm ist voll mit Sendungen, wo Menschen sich für keine Peinlichkeit mehr zu schade scheinen. Selbst in die intimsten Bereiche des Lebens darf die ganze Fernsehnation schauen. Und hält das für normal. Jeder meint seine Meinung lauthals von sich geben zu müssen, fordert dafür gar sein Recht ein, auch wenn sie keiner hören will. Vor allem, weil sie weder einen Wahrheitsgehalt noch einen Sinn enthält. Keiner hält mehr hinterm Berg oder hält sich zurück, weil er sich für nicht kompetent hält. Oder nichts zu einer Sache beitragen kann. Je lauter andere mundtot gemacht werden, umso besser. Selbst verbreitete Unwahrheiten, bewusste Lügen treiben keine Schamesröte mehr ins Gesicht, vor allem fallen sie immer seltener auf den zurück, der sie von sich gegeben hat. „Darum schäme dich nicht über deinen Glauben an Jesus Christus“, liebe Gemeinde, ist tatsächlich die Scham in unserer heutigen Zeit überholt? Spielt sie keine Rolle mehr? Oder wird sie einfach verdrängt, weil damit kein Blumentopf mehr in unserer Gesellschaft gewonnen werden kann? Und wer dies am besten kann, steht im Mittelpunkt und wird gehört?

Der Briefschreiber übergeht oder verdrängt die Scham nicht, sondern stellt sie unter andere Vorzeichen. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“. Wenn etwas von ganz tief innen nach außen kommt, dann kann das wunderschön sein. Vor allem, wenn es erwidert wird. Wie bei einer Liebeserklärung. Das tut gut, beflügelt, wärmt, trägt mich. Wenn das, was mich ausmacht, meine Person, meine Gefühle und Empfindungen, auf offene Ohren trifft. Erwidert wird. Wenn dagegen etwas von ganz tief innen nach außen kommt, und nicht erwidert wird, gar ins Leere läuft, sich andere darüber lustig machen, dann kann das schrecklich sein. Die Peinlichkeit, ja die Scham, lässt einen am Liebsten in den Boden versinken. Und kann einem noch Jahre später die Röte ins Gesicht treiben.
So verhält es sich mit dem, was ganz von innen eines Menschen kommt und wenn es nach außen kommen soll. Mein Glaube ist so etwas, was aus meinem Inneren kommt. Der mir Geborgenheit schenkt, Sicherheit und Halt. Glanz und Tiefe in meinem Leben. Auch den Zweifel zulässt. Weil dies beim Glauben aber so ist, weil ich hier mein Inneres zeigen muss, wenn ich zu ihm stehen möchte, ihn weitergeben möchte, mache ich mich verletzbar, angreifbar. Darum ist es seit der frühen Christenheit so, dass immer wieder Scham, Angst und Furcht eine Rolle spielt beim Bezeugen meines Glaubens, weil der Glaubende dadurch angreifbar und verletzbar wird. Das weiß der Briefschreiber. Die Weitergabe des Glaubens ist das zentrale Anliegen dieses Timotheusbriefes. Der um etwa 100 n.Chr. als pseudepigraphisches Werk entstanden ist. Und der für sich die Autorität beansprucht, der letzte, aus dem Gefängnis geschriebene Brief des Paulus zu sein, an dessen engsten Mitarbeiter und Freund Timotheus. Dadurch erhält dieser Brief seine kaum zu überbietende Autorität und sein Gewicht als eine Art Testament, sein letzter Wille. Bei allem aber verweist der Briefschreiber auf Gottes vorausgehendes Handeln. „Gott hat uns nicht gegeben den geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“.

Dabei ist die Kraft, „dynamis“, von den Griechen herkommend, von Aristoteles, die Eigenschaft, eine Veränderung herbeizuführen oder möglich zu machen. Nur dadurch kann Neues entstehen, wogegen die Furcht und Angst nicht nur lähmt, sondern jede Bewegung und Reaktion verhindert. Kraft wird also nicht nur als die Potenz oder Macht verstanden, sondern als Fähigkeit, wahrzunehmen, aufmerksam zu sein, die Gedanken auf andere und nach vorn auszurichten. So ist die Kraft der Mut Veränderungen herbeizuführen, Neues in den Blick zu nehmen und die Enge der Angst und Furcht hinter sich zu lassen. Damit Neues wird.
Mit „agape“, der Liebe, wird ein Zentralbegriff der neutestamentlichen Ethik aufgenommen. Paulus preist sie als das Größte, noch vor Glauben und Hoffnung. Jesus fasst das ganze Gesetz in den beiden Liebesgeboten zusammen. Es ist die Liebe, die ebenfalls die Furcht überwindet, die Angst, weil sie sich auf das Gegenüber ausrichtet. Wer liebt ist nicht allein. Liebe ist die Fähigkeit empathisch zu sein, Gefühle zu zeigen. Und von sich selbst absehen und in andere hineinversetzen zu können.
Als Drittes wird die Besonnenheit genannt, eine der Kardinaltugenden der Antike. Nur hier erscheint dieser Begriff im NT. Dabei geht es um das rechte Maß, um eine unvoreingenommene Urteilsfähigkeit, die sich auch nicht von Emotionen bestimmen lässt.

Liebe Gemeinde, Gott hat uns unseren Glauben geschenkt. Aber nicht, damit wir ihn für uns behalten, weil wir ihn schützen und bewahren müssten. Sondern dass wir ihn weitergeben. „Gehet hin in alle Welt“. Und dabei sind Furcht und Angst schlechte Ratgeber. Und für das, was uns Gott geschenkt hat, brauchen wir uns nicht zu schämen. Gottes unvergängliches Wesen, sein Wort, seine Liebe, seine Vergebungsbereitschaft, vor allem das Leben, das er uns bereithält, das nicht mehr mit dem Tod endet. Dazu hat Gott uns begabt, berufen und begnadet.
„Selig die Unverschämten.
Selig, die sich begabt wissen.
Selig, die sich ihrer Berufung gewiss sind.
Selig, die sich für begnadet halten.
Selig die Begeisterten.
Selig, die sich lebendig fühlen“.
Amen

Fürbittengebet: Herr, unser Gott, du hast uns unser Leben geschenkt und damit viele Möglichkeiten vor uns ausgebreitet. Dafür danken wir dir.
Wir bitten dich für alle Völker und Nationen in den Krisengebieten dieser Welt, die unter Krieg und Terror leiden, dass endlich Friede einkehre.
Wir bitten dich für die Trauernden in der Nähe und Ferne, die darunter leiden, dass du der Lebenszeit Grenzen gesetzt hast, dass du sie tröstest mit deiner grenzenlosen Liebe.
Wir bitten dich für die Männer und Frauen, die durch eine Krankheit eingeschränkt sind, die nicht sehen, sprechen oder hören können, dass sie sich trotz ihrer Begrenzung entfalten.
Wir bitten dich für die Menschen, die verbittert sind über die Begrenztheit des Lebens, die sich in jeder Krankheit und jedem Leid und in jedem Sterben erneut zeigt, dass sie nicht bitter bleiben, sondern auf dich hoffen.
Wir bitten dich für diejenigen unter uns, die mehr auf die Grenzen schauen, die du ihnen gesetzt hast, als auf die Freiheiten, zu der du uns berufst, dass du ihre Augen auftust für die Möglichkeiten, die vor ihnen liegen.
Wir bitten dich für uns alle um die Gelassenheit, Grenzen hinzunehmen, die wir nicht ändern können. Wir bitten dich aber um den Mut, gegen Grenzen zu rebellieren, wo wir sie verändern und überwinden können. Und wir bitten um die Weisheit, zwischen diesen Grenzen und jenen zu unterscheiden.
Amen