8. Sonntag nach Trinitatis, 22.07.18, Predigt zu
1. Korinther 6, 12-14 , 19+20 in Spaichingen

 „Man gönnt sich ja sonst nichts!“
Liebe Gemeinde, wer von uns kennt diesen alten Werbespruch nicht! Ältere erinnern sich auch noch an die Person, die damit warb –dieser Mensch sah nicht so aus, als ob er sich nichts gönnen würde! „Man lebt nur einmal“, eine ähnliche Aussage. Man lebt nur einmal, man gönnt sich sonst nichts, das heißt doch, ich möchte mein Leben genießen, ich möchte all das tun, was mir möglich und machbar ist. Die vor uns liegende Ferienzeit passt sehr gut zu diesem Gedanken: Urlaub machen, sich etwas leisten können, Unternehmungen, Erlebnisse, möglichst weit weg, der Reiz des Neuen! Möglich ist vieles, liebe Gemeinde, bringt es aber das, was man sich erhofft? Wir können uns immer mehr leisten, alles scheint erlaubt und wird darum auch angestrebt. Leidige Tabus, die nur hinderlich im Weg stehen, etwa aus Glaubensgründen, wegen meines Herkommens, überholte bürgerliche Moralvorstellungen, all das stört nur und wird bedenkenlos über Bord geworfen. Das spielt keine Rolle, zählt nicht, darüber sind wir längst hinweg! Alles ist möglich, und darum scheint alles erlaubt. Sei es in der Mode, von bedeckt bis fast durchsichtig, bei der Haarmode, lang oder kurz, bunt oder Glatze, jeder, wie er will. Und mancher Körper gleicht einer wandelnden Littfasssäule! Gleiches gilt im Arbeitsleben, Vollzeit, Teilzeit, Arbeitslos, Arbeit als Lebenserfüllung oder notwendiges Übel, als Job, Minijob, Nebenjob, Schwarzarbeit, alles ist egal, Hauptsache die Kohle stimmt. Oder der Staat muss für mich sorgen. Zufriedenheit, Erfüllung, ein bestimmtes Arbeitsethos, diese Begriffe lösen nur noch ungläubiges Kopfschütteln aus. Und ich kann weiter aufzählen, in den Wohnungen, in meinem Lebensumfeld. In der Politik, bei den Parteien, welches Haustier ich mir halte. Auch in religiösen Fragen lasse ich mir nicht dreinreden, die Vielfalt der Medien und ihrer Produkte ist nicht mehr zu übersehen. Jeder darf und jeder kann. Ob er tatsächlich kann, ist eine andere Frage. Und ob das ganze Sinn macht, danach fragen viele überhaupt nicht mehr. Diese Vielfalt lässt sich auch auf unseren Umgang mit unseren Mitmenschen übertragen, immer auf der Grundlage, dass ich im Recht bin und habe, und dies mit allen Mitteln auch durchzusetzen versuche.
Liebe Gemeinde, wir leben in einer Zeit, in der fast alles möglich ist, und darum auch erlaubt scheint. Doch dient das alles „zum Guten“? Was – zum Guten – was soll denn diese Frage, höre ich gleich den Einwand. Es hilft doch mir, es geht mir dabei gut, und ich bin es der entscheiden kann. Ich gönne mir ja sonst nichts!

„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten“. Die Kernaussage des Paulus in seiner Auseinandersetzung mit der Gemeinde in Korinth. Sicher sehr polemisch zugespitzt und Polemik ist bekanntlich nicht jedermanns Sache. Anscheinend wusste er sich nicht mehr anders zu helfen. Vom befreienden Evangelium Christi hatte er erzählt, hatte die Gemeinde gegründet, war auf offene Ohren und bereite Menschen gestoßen. Und es war zu spüren, auch sichtbar, dass dieser neue Glaube an Jesus Christus gelebt wurde, das Leben veränderte. Dies alles geschah aber in dieser Welt, im Hier und Jetzt, in altvertrauter Umgebung.  Jesus hat mich erlöst, befreit, mein Innerstes ergriffen, ich glaube an ihn. Und darum kann ich mich auf diese Welt einlassen, ich kann alles in ihr tun, denn im Grunde bin ich nicht mehr angreifbar. Gott schützt mich, hält seine Hand über mich. Mein Glaube ist das Entscheidende, alles andere spielt keine Rolle. Juden halten sich an Speisevorschriften, an bestimmte Lebensregeln. Wir Christen aber haben das nicht nötig, Jesus hat uns zur Freiheit berufen. Alle Verfehlungen vergibt er uns, alle Gesetzlichkeit ist aufgehoben. Ich kann machen und lassen, tun und nicht tun, wie ich will. Alles, was mir möglich ist.

Liebe Gemeinde, ich habe, um deutlich zu machen, um was es geht. Denn eine solche Haltung und Einstellung ist nicht überholt. Ich denke da an die Diskussion vor einigen Jahren, ob die Bergpredigt etwas mit unserem alltäglichen Leben zu tun hat, gar die Politik betrifft. Oder nur den inneren Menschen angeht. Also Privatangelegenheit ist. Doch können wir so unseren Glauben aufteilen, hier weltlich, dort religiös? Allgemein gültig, nur den Einzelnen, ganz persönlich betreffend? Früher sprach man von dem Leib auf der einen Seite, dem Geist oder der Seele auf der anderen Seite. Das Leibliche, Äußerliche wird getrennt von meinem Inneren, dem, was ich glaube, fühle und empfinde.  Können wir so tatsächlich trennen, glauben kannst du was du willst, in der Welt gelten ganz andere Gesetze? Nächstenliebe, Gottesliebe, Gebet, meine Verbindung mit Gott und meinem Mitmenschen, alles schön und gut, für dich auch in Ordnung. In der Welt aber bestimmt Macht, der Bessere, der Stärkere setzt sich durch und Wissenschaft und Forschung kennen keine Grenzen mehr. Was machbar ist, muss auch ausgeführt werden. Denn Fortschritt und Wachstum, neue Perspektiven, Eröffnung von Zukunft wird über alles andere gestellt. Die Gemeinde in Korinth, und sicher nicht nur sie, machte hier bedenkenlos mit. Denn was in der Welt geschieht, sind doch nur Äußerlichkeiten, betreffen aber mein Innerstes, meinen Glauben nicht. Ich bin frei, frei zu tun und zu lassen, was mir gefällt. „Ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe!“

Was einem teuer ist, auf das gibt man Acht. Sorgt sich, kümmert sich, behütet und beschützt. Denn teuer habe ich es erstanden, habe viel investiert, auf manches verzichtet. Und es zeigt die Wertigkeit, wenn ich viel oder wenig zu investieren bereit bin. Wie wichtig mir etwas ist. Da geht es nicht nur um Geld, sondern um Einsatz, Engagement. Ich scheue keine Mühen und Anstrengungen für etwas, das mir wichtig ist.
Wir Menschen stehen mit Gott in dieser Beziehung. Wir sind von ihm teuer erkauft. Nicht nur geschaffen und gewollt, seine Ebenbilder. Sondern weil er die Verbindung zu uns nicht abbrechen lassen wollte stand Jesus Christus für uns ein. Starb für uns. Gab uns die Zusage, dass Gott uns nahe sein möchte, dass wir ihm wichtig sind. Teuer erkauft, das bedeutet nichts anderes, als dass wir wertvoll sind. Für Gott von unschätzbarem Wert! Macht das nicht unsere Daseinsberechtigung aus? Mein Partner, den ich mag, er ist für mich allein darum so wichtig, weil es ihn gibt. Weil ich ihn mag. Unbezahlbar, teuer, unverzichtbar. Gott sieht uns Menschen ebenso. Welche Befreiung bedeutet dies für unser Dasein, welchen Wert erhalten wir durch Gott. Nicht ich muss, sondern ich bin! Und darum, steht mit eurem ganzen Leben, mit eurem Glauben, euren Gedanken, eurem Tun und Lassen, eurem Auftreten zu Gottes Erwählung. Steht zu seiner geschenkten Freiheit als ganzer Mensch ein. Mit dem, wie ihr lebt und handelt. Wie ihr euren Mitmenschen begegnet, mit Entscheidungen, die ihr zu treffen habt. Alles ist erlaubt, scheinbar, weil machbar und heute auch meist lebbar, aber dient alles zum Guten?

Paulus benennt manches, was sich die Korinther alles erlauben, was nicht dem Guten dient. Das war nicht nur vor 2000 Jahren so. Wir können fast 1 zu 1 auf heute übertragen, nur ist alles noch extremer geworden, noch unverschämter. Freiheit ja, liebe Gemeinde, aber nicht dadurch in neue Abhängigkeiten! Die Frage nach Nützlichem, ob neue Abhängigkeiten entstehen, ist für mich ein kritischer Maßstab. Paulus stellt dem herrschenden Unrecht das gültige, bekannte Recht entgegen. Recht gibt es und sollte beachtet werden, ob es andere tun oder nicht. Denn was andere tun ist kein Kriterium. Nur mit dem Finger auf andere zeigen, verändert die Menschen nicht. Und macht uns nicht besser. „Was seht ihr den Splitter im Auge eures Bruders, aber den Balken im eigenen Auge erkennt ihr nicht“. Paulus prangert den Götzendienst an, auch die Idolatrie. Aus dem Griechischen abgeleitet enthält es das Wort „Idol“. Welchen Götzen und Idolen, Idealen laufen wir hinterher? Oft viel gefährlicher, da wir sie nicht als solche entlarven können. „Geiz ist geil“, andere übervorteilen, Alkoholismus, Drogen, Zynismus, Kriminalität, Freiheiten, alles ist erlaubt, liebe Gemeinde, macht dies uns tatsächlich frei oder begeben wir uns nicht in neue Unfreiheiten, Abhängigkeiten, die sehr schnell schal und fad schmecken? Der Ruf nach Rückbesinnung auf alte Werte, Konservativismus, Fundamentalismus, das Aufrichten scheinbar alter Werte und Schranken, das kann nicht unsere Antwort sein. Es geht darum, die Freiheit, die wir durch Christus erhalten, verantwortungsvoll zu nützen.

Und von daher ist es gut, wenn wir auf die Korrektur des Paulus achten: „Nicht alles dient zum Guten“. Für mich eine Messlatte, die helfen kann. Wie ich lebe, was ich tue, wie ich mich verhalte, meinen Glauben lebe, dass soll zum Guten dienen. Weil ich teuer erkauft bin. Wie ich mich öffentlich gebe, alles ist erlaubt, aber hilft es meinem Gegenüber oder stoße ich ihn vor den Kopf? Geht es nur darum, dass ich mich ausleben kann, egal wie spießig die anderen in meinen Augen sind? Vergebe ich mir etwas, wenn ich vom anderen weiß, was ihn stört und ich könnte darauf eingehen, denn darauf kommt es letztendlich nicht an, und ich mache es trotzdem nicht? Ich werde gemessen an meinen Worten, weil ich dementsprechend dafür eintrete – aber was geht mich mein Geschwätz von gestern an? Freiheit ist nur Freiheit für alle, wenn ich sie verantwortungsvoll lebe und nicht nur meine eigene Freiheit im Blick habe. Nicht dass ich immer nachgebe, meinen Standpunkt aufgebe, aber dass ich in Übereinstimmung mit meinen Worten lebe, mit dem, was ich glaube, wie ich auftrete. Immer indem ich versuche dem Guten zu dienen.

Zwei Mönche waren auf dem Heimweg zu ihrem Kloster. Am Flussufer trafen sie ein junges hübsches Mädchen, das verzweifelt nach einem Weg durch den Fluss suchte. Ohne lange zu fackeln nahm der eine Mönch das Mädchen auf seine Arme und trug es über die Furt. Drüben setzte er das Mädchen ab und kehrte zu seinem Gefährten zurück. Der grübelte dann noch stundenlang darüber nach, wie so etwas möglich ist und fragte dann schließlich: „Du weißt doch, dass die Mönchsregel uns streng verbietet, auch nur in der Nähe einer Frau zu verweilen, besonders wenn sie so jung und so hübsch ist. Wie konntest du sie auf den Arm nehmen?“ Erstaunt drehte sich der andere um und fragte: „Trägst du sie denn immer noch? Ich habe sie am Flussufer zurückgelassen.“
Liebe Gemeinde, was zum Besten dient, nicht was erlaubt und gekonnt wird. Das ist unsere Lebensgrundlage, dafür ist Jesus gestorben, dafür steht Gott mit seiner Schöpfung und seiner Erwählung ein.
Amen