Palmsonntag, 6.Son der Passionszeit, 05.04.2020,
Gottesdienst zu Markus 14, 3-9, Spaichingen, Pfarrer Johannes Thiemann

- Eingangsgebet: Gott, unser Vater, du bist in deinem Sohn Jesus Christus zu uns gekommen, du bist eingekehrt in unsere Welt. Du hast uns nicht allein gelassen mit unseren Sorgen und Ängsten. Lass uns auch in dieser so bedrückenden Zeit nicht allein, komm du uns nah.
Wie gerne möchten wir dich aufnehmen und wahrnehmen unter uns, in unseren Familien, in unseren Häusern. Wir sehnen uns nach Nähe und Weite, wir sehnen uns nach Begegnung und Gemeinschaft. Strecke du uns deine Hand aus, wenn wir uns schwertun, dir zu folgen. Aus deiner Zuversicht und Hoffnung diese Zeit zu bestehen. Strecke uns deine Hand aus, dass wir sie anderen ausstrecken, auch wenn wir gerade keine Hände reichen dürfen. Lass du uns nicht allein, wie wir dich immer wieder allein lassen.
Darum bitten wir dich, dass du in unsere Herzen einziehst und uns bereit machst auf dein Kommen, auf das vor uns liegende Osterfest.
Amen

- Predigttext: Markus 14, 3-9

3 Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Der richtige Moment! Gelebt und zum Ausdruck gebracht. Palmsonntag, Gott wird Mensch, Christus zieht ein in unsere Welt. Kommt zu uns und nimmt uns ab, was uns belastet. Christus ist da, in und durch seine Nähe ist der richtige Moment für uns.
Liebe Gemeinde,
der richtige Moment, der „Kairos“, darauf kommt es doch immer wieder an in unserem Leben. Den richtigen Moment nicht zu verpassen. Es ist nicht hilfreich und zielführend, wenn später gejammert wird, hätte, wäre, wenn. Wurde nicht zu spät das öffentliche Leben massiv eingeschränkt, die Kontaktverbote zu lässig gehandhabt, hätte man nicht schon viel früher medizinische und hygienische Vorsorgemaßnahmen treffen müssen, hätten die Grenzen nicht früher dicht gemacht werden müssen - im Nachhinein scheinen viele klüger sein.

Liebe Gemeinde, wir alle kennen vergleichbare Situationen, eine einmalige berufliche Chance, ein Sonderangebot, etwas ganz Außergewöhnliches erleben dürfen, sich doch nicht entscheiden können, der Mut verlässt einen - der richtige Zeitpunkt wird als solcher oft erst wahrgenommen, wenn er vorbei ist. In unserer heutigen Zeit, in der alles immer möglich scheint, achten viele gar nicht mehr auf den entscheidenden Moment. Denn alles ist ja immer und überall möglich.
Bringt uns die jetzige Lage gerade an dieser Stelle zur Besinnung, hinterfragt unsere Lebenseinstellung? Befördert dies eine neue Sensibilität, Achtsamkeit, Offenheit? Wir alle spüren, jeder auf seine Art, dass vieles besser gemacht werden könnte. Es dabei aber auf den richtigen Zeitpunkt ankommt.
In der Bibel ist der richtige Moment der, wenn Gott ganz Mensch wird. Der richtige Moment ist, wenn Jesus dir und mir nahe ist, wenn wir in seiner Gegenwart sind. Und dann gelten andere Regeln. Verschwendung ist keine Verschwendung mehr, sondern die einzig angemessene Reaktion. Der richtige Moment. Dann gelten nicht mehr ausschließlich rationale, logisch-menschliche Begründungen. Gott wird Mensch, der Moment ist die Nähe Christi.

Das lebendige Gespür für den Moment, liebe Gemeinde. Da taucht eine namenlose Frau im Haus des Simons auf, stört das Abendessen, wohl eine Tischrunde lauter Männer. Sie geht zielstrebig auf Jesus zu. Würde sie zögern, fragen, sich anstellen, sie würde nicht zu ihm durchdringen. In ihren Händen hat sie ein Fläschchen mit kostbarem Nardenöl, das teuerste Duftöl weit und breit. Sie geht zu Jesus, zerbricht das Gefäß und schüttet den ganzen Inhalt auf Jesu Kopf. Der Duft verbreitet sich und wird ihn begleiten. Sie weiß, wie angreifbar und schutzlos der Mensch gegenüber Mächtigen sein kann. Sie wird es gleich erfahren, wie ausgeliefert und hilflos man sich dabei fühlt. Aber sie tut es, weil es für sie der richtige Moment ist. Das ist ihre Stärke.

Pure Verschwendung, rufen sie, was könnte man dafür Gutes an den Armen tun. Gute Werke sind angesagt, keine sinnlose Vergeudungstaten. Jesus nimmt die Verschwenderin in Schutz, findet ein Argument nach dem anderen, um ihr zu helfen, um die Frau zu verteidigen. Er versteht ihr Tun. Sie kann nicht anders. Sie hat seinen Leib im Voraus zum Begräbnis gesalbt. Er lobt sie. Diese Frau ist für Jesus die Einzige, die verstanden hat, was für ein Moment jetzt gerade ist. Das teure Öl, der Duft, die zärtliche Geste, die Liebe, die Verschwendung, all das ist Ausdruck dieses Moments.

Jesus Christus ist nah, die Herrlichkeit Gottes zieht bei uns ein. Er ist wie wir sterblich, aber er handelt und lebt in Gottes Kraft. Die Frau hat begriffen, dass er nicht mehr lange da ist. Der Augenblick zählt mehr als Nachdenken, Zögern, Abwägen. Das Gespür für die Situation, den richtigen Moment. Diese Frau, ausgegrenzt und schwach wird den Mächtigen, den Männern, den Hohenpriestern und Schriftgelehrten gegenübergestellt. Auch den Jüngern, die dachten Jesus stehe für eine Art politischer und religiöser Macht. Der Einspruch klingt vernünftig, für die große Geldsumme hätte viel gegen die Armut getan werden können. Doch die Armut gibt es immer, ihr könnt immer etwas dagegen tun. Ich aber bin jetzt hier. Neben dem richtigen Moment geht es immer um Macht und Machtlosigkeit. Die namenlose Frau im Gegenüber zu den Männern, der religiösen Elite. Es ist für die Kirche, ganz besonders für sie, immer eine Gefahr, die sie die Macht Gottes verkündigt, sich allzu sehr mit der Macht zu solidarisieren, und nicht mit den Machtlosen.

Liebe Gemeinde, der Moment, indem uns Jesus nahekommt, gibt uns die Möglichkeit für einen Perspektivenwechsel. Eine, wie ich vor Kurzem las, „Wiedergeburt der Sinne“ und besonders eine Optik der Kleinen. Als Jesus in Jerusalem einreitet schreien die Menschen ihm begeistert zu, schwenken Palmblätter. Sechs Tage danach fordern sie seine Kreuzigung. Ein fast ironischer, vor allem ernüchternder Gedanke. Man kann den so mächtigen Jesus bejubeln und doch versäumen, sein Kommen zu uns zu erfassen. Ihn bejubeln, solange er unseren Vorstellungen der Macht entspricht. Jesus lädt uns ein offen und bereit zu sein, den richtigen Moment zu erkennen und zu ergreifen. Zu reagieren, handeln, uns anrühren und bewegen lassen. Es geht um eine andere Realität. Der Anspruch des Evangeliums gilt den scheinbar Machtlosen, Unwichtigen, an den Rand Gedrängten. Gilt den Armen und Schwachen, den Einsamen. Besonders den Kranken.

Es tut gut, mit dieser Geschichte in die vor uns liegende Karwoche zu gehen. Es tut gut, uns dies zusprechen zu lassen in dieser so niederdrückenden und belastenden Zeit, wo wir nicht absehen können, wie es weitergehen wird. Das Handeln dieser Frau verweist auf Kräfte, die in jedem von uns liegen: das Mitfühlen, die Möglichkeit Leid zu lindern, das Leben zu stärken. Es kommt auf das Wahrnehmen und Ergreifen des Moments an. Gott möchte unsere Sinne schärfen. Vielleicht müssen wir noch üben. Die Nähe Gottes, sein Moment mit uns, fällt leichter in der Ruhe zu spüren, im herausgenommen Sein aus dem alltäglichen Trubel.
Ich bin dankbar, dass es immer wieder Menschen gibt, auch sie, die sich trauen, den Moment zu ergreifen. Gegen jede Konvention, gegen jede Erwartung, gegen allgegenwärtige Machtgefüge. Dort aufzustehen, wo Menschen verunglimpft werden, wo ausgegrenzt wird, wo es gilt, für Schwächere einzustehen. Nähe und Mitleid zu zeigen.
Amen
- Fürbittengebet: Herr Jesus Christus, du wurdest in Jerusalem damals begeistert empfangen. Wie begrüßen und empfangen wir dich in diesen Tagen? Wie erwarten und erhoffen wir deine Gegenwart, wo rechnen wir mit dir gerade in dieser Zeit? Du kommst auf einem Weg, auf dem keiner von uns gehen will. Doch dein Weg ist der Weg der Liebe.
Lass uns dir auf deinem Weg folgen. Schenke uns Kraft und Fantasie, einander in diesen Tagen beizustehen, uns zu lieben, zu achten, zu stärken und Mut zu machen. Schenke uns Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse unserer Nächsten.
Wir bitten dich für alle, die sich in diesen Tagen nicht mehr zurechtfinden, die in Angst und Mutlosigkeit leben, in Einsamkeit und Verzweiflung. Lass sie in deinem Wort Halt finden. Lass sie sich aufgehoben fühlen in der Zuwendung ihrer Nächsten. Schenke uns wachsame Augen und Ohren, damit niemand in dieser Zeit allein gelassen wird.
Wie leicht werden Menschen hochgejubelt und gefeiert und wie schnell werden sie fallen gelassen. Bewahre uns davor, uns die Augen blenden zu lassen, lass uns nüchtern und kraftvoll unseren Weg gehen. Gib uns einen festen Stand, damit wir ausschreiten und uns auf Neues einlassen können, zur Hilfe und zum Glück unserer Nächsten, derer, die uns anvertraut sind. Alles, was wir sind und haben, verdanken wir deiner Gnade.
Amen