Predigt zu Lukas 5,1-11 am 5. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juli 2020, in Spaichingen, Pfarrer Johannes Thiemann

Eingangsgebet: Herr, Gott, unser Vater, wir kommen zu dir, um dein Wort zu hören. Schenke uns Orientierung, wo wir nach einem Weg suchen, hilf uns zur Umkehr, wo wir uns verrannt haben, gib uns Kraft für die Aufgaben, die uns ermüden, tröste uns, wenn wir erschrecken.
Herr Jesus Christus, du rufst uns in deinen Dienst, dass wir dir nachfolgen. Du rufst uns zu, ausgetretene Wege zu verlassen. Wir bitten dich, dass wir im Lärm unseres Alltags auf deine Stimme hören und mit offenem Herzen auf dein Rufen achten, damit wir hinfort auf neuen Wegen wandeln.
Amen

Liebe Gemeinde,
es ist für mich immer wieder spannend, wenn ich meine Enkelkinder sehe. Wie haben sie sich entwickelt, wie haben sie sich verändert. Und immer wieder überraschend: Wie verschieden sie doch sind! Jeder ist anders, nicht nur im Aussehen. Sicher eine Allerweltweisheit, dass alle Menschen verschieden sind. Und doch müssen wir uns dies immer wieder klar machen. Denn jeder ist anders aufgewachsen, bringt seine eigenen Erfahrungen mit, ist einen anderen Lebensweg gegangen, hat seinen Platz im Leben gefunden. Oder ist noch auf der Suche. Unsere heutige Erzählung aus dem Lukasevangelium ist fast wie ein „Wimmelbild“ dafür, wie unterschiedlich Menschen sein können, wie sie sich verhalten, auftreten und reagieren. Oder eine Sammlung von vier Kurzerzählungen, die miteinander über unterschiedliche Menschen verknüpft sind.

Von einer anonymen Menschenmenge ist in der ersten Kurzgeschichte die Rede, verbunden mit der ersten Jüngerberufung. Ziemlich laut wird es da zugegangen sein, Frauen und Männer, Kinder und Senioren. Sie alle haben sich auf den Weg gemacht um Jesus zu hören. Nach seinen Krankenheilungen hatte er ihr Interesse geweckt. Sie kamen, weil sie von ihm hören wollten. Und sie hören nicht irgendwelche Worte, Lukas spricht vom „Wort Gottes“, das sie hören wollten. Es ging nicht um Erfolgsregeln für die Alltagsbewältigung, wie ich glücklich werde, sondern um das, was Gott zu sagen hat. Sie bedrängen Jesus so sehr, dass er in ein Boot ausweicht. Er setzt sich in dieses Boot, wie es damals für Lehrer üblich war wendet sich Jesus sitzend den Menschen zu. Vom Inhalt der Predigt erfahren wir nichts. Was nach der Predigt geschah, ebenfalls nicht. Wahrscheinlich sind alle wieder heimgegangen.
Mit diesen Menschen können wir uns wohl am ehesten vergleichen. In jedem Gottesdienst geschieht es, dass Menschen sich auf den Weg machen. Auch sie wollen Gottes Wort hören. Wollen Gott begegnen. Unter menschlichen Worten Gottes Wort hören und diese Worte in den Alltag mitnehmen. Das ist nicht besonders aufregend, das muss ich zugeben. Dies muss es auch nicht. Für alle aber, die es hören, ist Gottes Wort eine Bereicherung. Einmal innehalten, auftanken, in Gottes Gegenwart eintreten. Und so gestärkt in den Alltag zurückgehen.

„Fahr hinaus“, Jesu Aufforderung an Petrus leitet die zweite Kurzgeschichte ein. Jesus begegnet einer zweiten Menschengruppe. Petrus und seinen Fischerkollegen. Sie flicken Netze, eine Arbeit, die wenig Spaß macht, ein notwendiges Übel ist. Wie auch manche Arbeiten, die wir tun müssen, unter diese Kategorie falle, wie etwa eine Steuererklärung machen. Es muss halt sein. Simon stellt Jesus sein Boot zur Verfügung, widerspricht ihm aber zunächst. Es macht keinen Sinn am hellichten Tag zu fischen. Das wird nichts bringen. Aber er schlägt Jesu Bitte nicht aus. Und es schwingt fast ein wenig Hoffnung in seinen Worten mit: „Auf dein Wort hin“. Es folgt der Fischzug mit einem überwältigenden Erfolg. Die gegen jede Erwartung große Menge an Fischen in den Netzen macht die Hilfe der Kollegen notwendig. Dass diese Überfülle Nahrung für viele und auch Lohn bietet, wird nicht erwähnt, wird aber in der Form dieses „Füllewunders“ unausgesprochen vorausgesetzt.
Dass uns Gott im Gottesdienst begegnet, uns Jesus nahekommt, ist den meisten vertraut. Dass dies aber auch für die Orte gilt, an denen wir arbeiten, spielt in unserem Alltag praktisch kaum eine Rolle, auch wenn wir theoretisch davon wissen. Weil uns Jesus keine konkreten Anweisungen gibt: Etwa welche Aktiengeschäfte zu tätigen sind, was wir zu tun oder zu lassen haben, dass wir uns um diesen oder jenen kümmern sollen. Und noch weniger haben wir Jesus wie ein kleines „Erfolgsmaskotchen“ in unserer Hosentasche dabei. Dass alles mit ihm nur besser würde. Und doch bewegen wir uns im Alltag nicht in einer gottfreien Zone. Jesus sagt uns zu, dass er alle Tage bei uns ist. Aus seiner Verheißung, auch bei schweren Herausforderungen uns nicht allein zu lassen, können wir die Kraft schöpfen, die wir brauchen. Und immer wieder dürfen wir erleben, dass wir nach Fehlschlägen reichen Segen erfahren.

Simons Kniefall leitet in die dritte Kurzgeschichte über. Der Blick richtet sich auf Petrus und Jesus. Nach dem Erschrecken folgt das Bekenntnis „Ich bin ein sündiger Mann“, und Jesus antwortet mit einem Mutmachwort „Fürchte dich nicht“ und der Beauftragung: „Von jetzt an wirst du Menschen fangen, Menschen gewinnen!“
Im Gegenüber zu Gott, und in Jesus erkennt Petrus Gott, geht es nicht anders, als dass ich mich stelle, mich und mein Tun und Handeln hinterfrage. Das kann ziemlich riskant sein. Von Sünde spricht Lukas, weil Petrus erkennt, wie sehr er sich von Gott entfernt hat, er keine Relevanz für sein Leben hat. Jesus bleibt Petrus zugewandt. Er spielt nicht seine Macht aus, sondern gibt ihm eine Aufgabe. Dadurch richtet Petrus sein Leben neu aus.
Gottes Heiligkeit ist heute für viele ein Fremdwort. Gott als Gegenüber eine fremde Vorstellung. Eher ungläubig sehen wir auf diese Kurzerzählung, auf das Erschrecken der Jünger, vor allem ihre Lebensneuausrichtung. Das ist nicht unser Erleben, entgegnen manche. Und doch kann diese Geschichte zu unserer werden. Wer sich darauf einlässt, dass Gottes Wort auch heute eine große Kraft hat, dass sein Reden auch heute nicht oberflächlich bleibt, der wird damit rechnen, sich vor allem darauf einlassen, dass sich das Leben ändert, wenn Gott auf den Plan tritt. Dass ich mein leben neu ausrichte, dass ich meine Prioritäten ändere, dass manches plötzlich anders aussieht, das alles kann geschehen, aber nicht zwangsläufig. Es macht etwas mit uns, wenn wir Gottes Wort etwas zutrauen. Wenn wir Veränderungen zulassen.

Die vierte Geschichte ist die kürzeste. Die Akteure kommen wieder ans Ufer. Und von dort brechen sie auf. Sie lassen alles zurück, verlassen das Gewohnte und Vertraute, in aller Radikalität. Meist ist uns dies nicht möglich. Wer verlässt schon gerne vertraute Sicherheiten. Und doch geschieht dies täglich. Wenn jemand nach einer Krise, einer schweren Krankheit oder Trennung wieder ganz neu anfängt, der lässt alles Bisherige hinter sich. Er muss sich trennen von Altem, anders geht es nicht.

Liebe Gemeinde, unterschiedliche Menschen begegnen Jesus in diesen Kurzgeschichten. Wie heute auch. Manche kommen und hören und gehen wieder. Andere erleben Segen, den Gott sie in ihrer Arbeit erfahren lässt. Und andere führt Jesus auf ganz neue Lebenswege. Gemeinsam ist allen, dass sie Jesus begegnen. Keiner bleibt unberührt. Gottes Worte gehen mit. Sie machen mit mir etwas, bewusst oder unbewusst. Das war damals so, und ist es heute noch. Und in allem breitet sich das Reich Gottes aus. Auch wir gehen nachher wieder nach Hause.  Zu welcher Gruppe jeder gehört, das mag jeder selbst für sich bestimmen. Aber uns allen gilt: „Fürchte dich nicht!“ Du musst dir nicht selbst genug sein, Gott geht mit dir. Lass dich mitnehmen in ein Leben mit Gott und bei Gott, einem Leben in Gemeinschaft mit anderen.
Amen

Fürbittengebet: Himmlischer Vater, du begleitest uns auf unseren Wegen und lässt uns nicht allein. Du sprichst zu uns durch dein Wort in den schönen Stunden, aber auch in den Zeiten, in denen es schwer ist. Dein Wort ruft uns immer wieder heraus, aus der Tretmühle des Alltags, aus der Schuld, in der wir uns verfangen haben, aus unserem Egoismus und unserer Einsamkeit.
Wir bitten dich, dass wir uns auf dein Wort einlassen, auch in diesen Zeiten, die wir durchleben müssen. Wir bitten dich behüte und beschütze uns und lass uns nicht nachlassen in der Aufmerksamkeit unseren Nächsten gegenüber, in der Achtsamkeit, zum Schutz für uns alle. Wir bitten dich für die Menschen, die uns begleiten auf den Wegen unseres Lebens, für unsere Familien, für unsere Freunde. Schenke uns, dass unsere Liebe nicht einschläft, sondern immer wieder neu erwacht.
Wir bitten dich für unsere Gemeinde, dass sich die Menschen deinem Ruf nicht verschließen, dass sie deiner Stimme vertrauen und sich herausrufen lassen zum Dienst am Nächsten. Wir bitten dich für unsere Welt, in der wir leben, dass zwischen den Völkern Frieden einzieht und sich die Hoffnung auf Gerechtigkeit mehr und mehr erfüllt.
Wir bitten dich für die Menschen, die uns anvertraut sind, dass unsere Geduld nicht nachlässt und wir uns um sie kümmern. Sei bei uns heute und morgen und an den Tagen, die kommen.
Amen