Predigt zu Römer 13, 8-12 am 1. Advent, 01.12.2019, in Spaichingen, Pfarrer Johannes Thiemann

„Auf dem Weg zum Licht“,
liebe Gemeinde, mit diesen Worten umschreibt Anselm Grün die Adventszeit. Oder wie ich es vor Kurzem las: „Es ist Advent. Ein kleines Licht ist uns gegeben. Ein Anfang ist gemacht. Warten und Sehnen haben eine Richtung bekommen. Das große Fest wirft seinen Glanz schon auf die Zeit davor. Und es ist anscheinend schwer auszuhalten, dieses Warten und Sehnen, dieses Davor-Sein“. Schon seit über einer Woche brennen bereits bei uns in Spaichingen die Lichter der Weihnachts-beleuchtung. Fängt so der Advent an?
Jochen Klepper hat es mit folgenden Worten in seinem Adventslied beschrieben: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.“ So fängt der Advent an. Willkommen zu Hause! Mit seiner Sehnsucht nach Beheimatung, nach Ruhe und Besinnlichkeit, in all dem vorweihnachtlichen Trubel, nach Gemütlichkeit, nach Mitmenschlichkeit, nach Liebe. Nach Licht! Davon spricht Paulus in seinen Versen. Und dies alles, obwohl er weiß, dass sowohl unser eigenes Leben als auch das der Welt noch nicht ganz ist, heil ist. Denn wir leben in einer noch nicht erlösten Welt. Das sich langsam dem Ende nähernde Jahr hat uns dies wieder auf erschreckende Art und Weise vor Augen geführt. „Alt und Jung sollen nun, von der Rast des Lebens einmal ruhn“, so schreibt es Theodor Storm dem Christkind in seinem bekannten Weihnachtsgedicht zu, als es mit dem Knecht Ruprecht spricht. Aber warum wollen wir gerade in der Adventszeit ruhn, und was unterscheidet dieses zur „Ruhe-kommen“ von dem „in Ruhe gelassen werden“? Echte Sehnsucht, die dem Heil drängend entgegenwartet, verträgt sich nicht mit Passivität.
„Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen“. Die erste Kerze brennt am Adventskranz, jede weitere macht es heller auf unserem Weg nach Weihnachten. „Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“.

Wann fängt eigentlich der Tag an? Wenn ich meine Umgebung erkennen kann, nicht nur Umrisse und Schemen? Zwei Rabbiner unterhalten sich darüber, wann eigentlich der Tag anfängt. „Wenn du einen weißen Faden von einem schwarzen unterscheiden kannst“, sagt der eine. „Nein, mein Bruder“, meint der andere, „der Tag beginnt dann, wenn du im anderen deinen Nächsten erkennst.“ So fängt der Advent an. Wenn du im anderen deinen Nächsten erkennst. So kommt Christus bei uns an. Sanftmütig auf einem Esel reitend, als Gerechter, als Helfer. Mit Christus kommt alles anders als gedacht. Die Stunde ist da vom Schlaf aufzustehen. Darum bleibt niemand etwas schuldig, außer der Liebe. Sie ist es, die alles umschließt, auch alle Gebote.

Vom Schlaf aufstehen, ist das gleichzusetzen mit meinem wach sein? Wann bin ich denn richtig wach? Wie sind sie heute Morgen wach geworden? Von selbst? Oder hat sie jemand geweckt? Und wie sind sie dann aufgestanden? Voller Vorfreude auf ein gemeinsames, gemütliches Frühstück, beim Brennen der 1. Kerze am Adventskranz? Oder haben sie sich noch einmal umgedreht, weiter geschlummert, im Niemandsland des Halbschlafes, wo noch alles weit weg ist? Oder gehören sie eher zu den „Morgenmuffeln“, die eine lange Anlaufzeit benötigen, am liebsten in Ruhe gelassen werden möchten? Manche unter uns wachen auf, lange bevor es Tag wird. Bevor der Wecker klingelt. Sie liegen wach, viele Gedanken kreisen in ihrem Kopf. Haben vielleicht schon mehrfach auf den Wecker gesehen, wie viel Uhr es ist, bis es dann endlich so weit war: Der Morgen kommt herauf, es ist Zeit zum Aufstehen.

Zum Aufwachen, liebe Gemeinde, gehört die Nachterfahrung dazu. Von der auch Paulus spricht. Die Nacht, sie ist anders als der Tag. Sie ist der „Entzug von Festgefügtem“, wie ein Ausleger schreibt, von „Feststehendem“. Aber eben ein Entzug als eine Gabe, als ein Kommen eines anderen Reichs. Für die Kinder sind es oft Riesen, Monster und Ungeheuer, etwas Schreckliches und Angstmachendes - und für die Erwachsenen? Ist es der Beginn der Spiritualität? Wer aufmerksam wachsam ist in der Nacht, nicht die Nacht durch Arbeit, Licht oder Vergnügen dem Tag angleichen möchte, macht die Erfahrung, dass die Zeit der Nacht eine andere ist. Sie ist eine Zeit ohne Ziel, ohne Herkunft und ohne Inhalt. Die einen schutzlos macht, orientierungslos, weil ich den Gedanken nicht mehr ausweichen kann, denen ich am Tag gerne ausweiche. Gedankenlos von einem zum anderen mich treiben lasse. Von dieser Nachterfahrung geht Paulus aus – und diese Nacht ist vorgerückt. Adventszeit ist Nachtzeit, denn sie lebt auf das Licht zu. Dem kommenden Fest zu.

Die Schutzlosigkeit der Nacht zeigt sich auch in der Kleidung. Wenn ich nachts überraschend herausgerufen werde, wenn ich plötzlich aufstehen muss, dann friere ich. Und es ist mir peinlich, wenn mich jemand noch im Schlafanzug sieht. Andere fühlen sich unwohl, wenn sie ungeschminkt aus dem Haus müssen. Mit dem Anziehen von Kleidung, sich richten, geschieht eine Verwandlung. Die Bibel spricht zB vom Sack der Trauer, dem Gürtel der Freude, oder aber von Christus als dem „Taufkleid“. Paulus schreibt, dass Christus uns mit der Liebe umhüllt, uns also mit Liebe umgibt, anzieht wie mit einem Kleid. Nur in diesem Kleid ist es uns möglich, den Nächsten zu lieben wie mich selbst. Es ist keine Rüstung, die alles abwehrt, zurückhält, wenn Paulus hier von den Waffen des Lichts spricht. Es ist keine sichere Fassade, hinter der wir uns verstecken könnten. Schon gar kein Panzer. Das Kleid der Liebe ist empfindlich, hält wach, macht sensibel für den anderen und für mich selbst.

Der Glaube verkündet mitten in der Nacht, dass der Tag anbricht, mit all seinen eben geschilderten Begleiterscheinungen. Der Glaube stellt den beginnenden Tag dann aber unter ganz andere Vorzeichen. „Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages. Die Mitte der Angst ist der Anfang der Kraft.“ Mit diesen Worten hat es für mich mehr als eindrücklich der verstorbene Theologe Jörg Zink ausgedrückt. Denn mit diesen Erfahrungen der Nacht, und dann doch wach und aufmerksam, ganz neu angezogen mit dem Kleid der Liebe, können wir neu zu anderen und zu uns selbst aufbrechen, uns auf den Weg machen. Können anderen begegnen. Wenn die Nacht dem Tag weicht, wenn wir die Angst beginnen zu überwinden und so Kraft erhalten. Advent heißt also auch: Jetzt kannst du neu anfangen zu leben! Oder auch: Willkommen zu Hause! Es ist die Liebe, die uns diesen Aufbruch ermöglicht. Und die Liebe ist der Maßstab für alles, was folgt. Bewusst hat Paulus hier nur die Gebote erwähnt, die ein Verhalten in Worte fassen und kritisieren, das meine Mitmenschen nur dazu benützen möchte, um mich selber zu befriedigen oder zu bereichern. Also auf Kosten der anderen lebt. Die Liebe steht dem entgegen. Und doch ist und bleibt sie kein Selbstzweck. Vor allem, sie ist die einzige, angemessene Reaktion auf die Zeit, die wir erkennen können, dass die Nacht vorgedrungen ist, der Tag bereits am Anbrechen ist. Das anbrechende Licht, diese Liebe, wird darin sichtbar und erfahrbar, dass Menschen das Gute um seiner selbst willen tun, und nicht weil es ihnen Nutzen brächte. Nicht weil sie sich vor Strafe fürchteten. Und nicht weil sie sich damit in den Medien feiern lassen können. Vor den Menschen gut dastehen. Sondern einfach, weil es gut ist. Weil Gott es so will. „So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung“. Paulus beschreibt diesen Gedanken mit dieser Zusammenfassung dessen, was er unter Gesetz versteht.

„Auf dem Weg zum Licht“, die Nacht ist vorgedrungen, der Tag, er beginnt bereits zu dämmern. Er wirft, so seltsam es klingen mag, bereits seine Schatten voraus. Und diese Schatten, die uns auch immer wieder ergreifen, ergreifen können, die uns niederdrücken, uns jeden Lebensmut nehmen, sie werden von einem aufgehenden Licht angestrahlt, das alles verändert. Die Angst verwandelt in Mut und Phantasie. Wärme erhebt sich gegen die Kälte unter den Menschen. Die aufbrechen lässt, wie eine Knospe bei einer Blume. Die Sprache der Liebe öffnet den verstummten Mund. Das Wahrnehmen und Ansehen, ernst nehmen des anderen schenkt Würde und Anerkennung. Das alles und vieles mehr, macht den Weg zum Licht aus. Beschreibt vor allem uns alle als adventlich lebende Menschen. Und das alles nur darum, weil „wir die Zeit erkennen, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, weil unser Heil näherkommt.“

Liebe Gemeinde, die beginnende Adventszeit darf sich nicht erschöpfen in einer diffusen Sehnsucht nach Liebe, Licht und fröhlicher Betriebsamkeit. Nicht darin, dass wir uns vornehmen behutsamer miteinander umzugehen. Auch wenn uns vieles dazu auffordert und einlädt. Wir müssen nur in unsere Stadt gehen, Lichter und Geschäfte anschauen. Paulus wird ganz konkret, wenn er schreibt: „Seid niemand etwas schuldig, außer, dass ihr euch untereinander liebt.“ Die alte Zeit, so könnte ich auch sagen, geht ihrem Ende entgegen, wir stehen am Anfang einer anderen Zeit. Wir erhalten schon einen Blick auf das Versprochene. Und die Dynamik des Advents möchte sich unter uns ereignen.

Es ist gut und entlastet, dass es Christus ist, der uns das neue Kleid der Liebe anlegt. Denn allzu schnell fühlen wir uns überfordert. Oder wird die Nächstenliebe zu einem verdienstvollen Werk. Aber weil die Nacht vorgerückt ist, es langsam zu dämmern beginnt, der Tag anbricht, können wir das erkennen und sehen, was vor Augen liegt. Vor allem, was unsere Angst der Nacht in Kraft verwandelt.
Verändert nicht ein Blick, der von der Nächstenliebe geprägt ist, unsere Sichtweise auf die Flüchtlinge? Verändert die Liebe nicht mehr am anderen Menschen, als es jede Vergeltung, angetrieben von Hass und Angst, und sei dies noch so berechtigt, kann? Gerade auch im Blick auf den Terrorismus, die neu aufflammenden Kriege, die alle anderen Mittel und Reaktionen als hilflos und halbherzig erscheinen lassen – weil keiner sonst eine Lösung weiß, die über die Vergeltung oder Niederschlagung, gar Besiegung hinaus geht. Und verändert eben nicht die Liebe unsere ganze Lebenseinstellung, die wegsieht von sich selbst, hin auf andere, und so erkennt, wo der andere meine Hilfe braucht? Wo der andere sich schon gar nicht mehr traut, etwas für sich einzufordern?

Auf dem Weg zum Licht. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. Advent. Wir erkennen die Zeit. Wir erkennen, was notwendig ist zu tun. In Liebe beginnen wir die Werke der Finsternis zu durchschauen. Wir schauen weit in die Welt und sind nah dran an unseren Nächsten. Wann beginnt ein neuer Tag? Der Tag beginnt dann, wenn du im anderen deinen Nächsten erkennst. So fängt der Advent an.
Amen