Predigt an Pfingsten 20.05.2018 zu 1. Korinther 12, 12-16 in Spaichingen

Mit folgender Anekdote aus einer sowjetischen Kolchose möchte ich beginnen: „Gott sei Dank, es kommt Regen!“, sagt die Bäuerin. „Aber Genossin“, antwortet der Leiter der Kolchose, „du weißt doch: Einen Gott gibt es, Gott sei Dank, nicht!“. „Sicher, Genosse“, erwidert die Bäuerin, „aber wenn es nun, was Gott verhüten möge, doch einen gibt?“
Liebe Gemeinde, Pfingsten, das Fest der „Geistausgießung“, der Aussendung des Heiligen Geistes, der Gabe der Kraft des Heiligen Geistes, oder die Geburtsstunde der Kirche. Aber eben auch, wie in dieser Anekdote, immer wieder der alte Streit: Gibt es einen Gott? Kann man gar seine Existenz, argumentativ, beweisen? Kann man durch Denken zum Glauben gelangen? Denn wenn dem so ist, dann, so hat es vor Kurzem ein Spötter gefordert, dann müssten wir Kirchenleute scharfsinniger denken, predigen und argumentieren lernen. Dann müssten die Kirchen in Zukunft gerade an dieser Stelle mehr investieren. Damit alle Vertreter der Institution Kirche besser ausgebildet sind, und somit souveräner, vor allem überzeugender auftreten könnten, als sogenannte Welterklärer. Denn wenn man Gott denkerisch beweisen könnte, so die Idee, dann bräuchte man sich vor niemandem mehr zu rechtfertigen, dass man als denkender und aufgeklärter Mensch zur Kirche gehört. Und um das öffentliche Interesse bräuchte man sich keine Sorgen mehr zu machen.

Sie merken, liebe Gemeinde, da wird sehr zugespitzt, vor allem aber schablonenhaft, fast plakativ argumentiert. Bereits im Laufe der Geistesgeschichte haben immer wieder christliche Denker versucht, in überzeugender Gedankenklarheit Gott zu beweisen, durch sogenannte „Gottesbeweise“. Das ist nichts Neues! Etwa Thomas von Aquin, der große mittelalterliche Kirchenlehrer hat argumentiert, dass alles in der Welt eine Ursache hat. Alles, was da ist und geschieht, ist von irgendetwas verursacht. Diese Reihe der Ursachen lässt sich aber nicht unendlich fortsetzen, folglich muss es eine erste Ursache geben, die selber nicht unverursacht ist – dies nennen wir „Gott“. Oder der Mathematiker Blaise Pascal: „Wenn man so lebt, als gäbe es Gott – und in Wirklichkeit gibt es ihn nicht, dann hat man vielleicht einen gewissen Verlust an Lebensfreude zu beklagen. Wenn man aber leichtsinnigerweise so lebt, als gäbe es Gott nicht – und es gibt ihn, dann würde man mit dem ewigen Nichts bestraft. Wenn dem so ist, dann würde er, Pascal, mit dem Einsatz seines Lebens auf die Existenz Gottes wetten. Denn wenn Gott existiert, wäre der Gewinn unendlich. Wenn nicht, der Verlust dagegen gering. Würde man dagegen darauf wetten, es gibt ihn nicht, und er existiert tatsächlich nicht, ist der Gewinn gering.  Falls es ihn dann aber in Wirklichkeit gibt, wäre der Verlust eine selbst verschuldete Katastrophe“. In Fachkreisen spricht man von der „Pascalschen Wette“.

Liebe Gemeinde, nur zwei Beispiele für eine beeindruckende Logik und Denkleistung. Es gibt noch eine Vielzahl hochkarätiger Versuche. Trotzdem bleiben immer Einwendungen, kann bei jedem sogenannten „Gottesbeweis“ widersprochen werden, da die angewendete Logik nur in sich selber geschlossen ist. Gegen Anfragen von außen aber keine absolute Sicherheit bietet. Denn wirklich denkerisch kann Gott nicht bewiesen werden. Und, will er das, so müsste man fragen, vor allem, bringt es mir etwas? Kann man ihn gedanklich erfassen? Kann man aus Vernunftgründen glauben? Paulus wiederspricht diesen Überlegungen in seinen Aussagen im 1. Korintherbrief. „Wir aber“, so entgegnet Paulus den Korinthern, die wegen ihrer sprichwörtlichen Wissbegierde bekannt waren, „wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.“ Mit Vernunft allein kommen wir nicht an Gott ran. Wir können philosophisch darlegen, dass ein Gott wahrscheinlich existiert. Aber was ist das dann für ein Gott? Wir können vielleicht erklären, warum es vernünftig oder von Vorteil ist, an Gott zu glauben. Aber ist das dann Glaube? Dieses Vertrauen des Herzens, das Christus uns schenkt? Ist das der Glaube, der mich dann voller Vertrauen beten lässt: „Abba, lieber Vater“?

Paulus sagt entschieden Nein! Er rechnet das kluge Denken dem Geist der Welt zu. „Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.“ Warum widerspricht Paulus hier so massiv? Weil es ihm um den Kern des Glaubens an Jesus Christus geht. Um Gottes Niedrigkeit. Um Gottes Liebe. Denn die zeigt ihr Ausmaß, oder aber auch ihre Unvernunft, als Jesus am Kreuz stirbt. Aus Liebe. Und dieses Verhalten Gottes ist mit keiner Logik zu fassen! Dass Gott Liebe ist, können wir nicht aus der Welt ableiten. Auch mit dem schärfsten Denken nicht. Dass Gott mich Menschenkind liebt, mit allem, was zu mir gehört, auch mit meinen Fehlern und Schwächen, mit dem, was ich immer wieder falsch mache, dass er mich liebt, das kann mir mein Verstand nicht erklären und sagen. Weil für mich die wichtigste Frage nicht lautet: Gibt es einen Gott? Sondern sie lautet: Liebst du mich, Gott? Kennst du mich, siehst du mich, bist du bei mir – oder hast du mich vergessen? Und die Antwort auf diese Fragen gibt uns, wie es der Art der Liebe entspricht, die Antwort schenkt mir der Heilige Geist. Sie lautet: „Ja“. Und diese Antwort gibt mir, gibt dir und uns der Heilige Geist in unser Herz. Nicht in unseren Verstand. Manchmal geschieht dies so leise, so sanft, dass ich in der Gefahr bin, es zu überhören. Nicht zu spüren. Manchmal geschieht es so stürmisch, dass ich aufgeschreckt werde, durcheinander bin, und alle Fragen und Zweifel wie weggewischt sind. Beseitigt sind. Und manchmal geht mir das Herz über, manche sagen es läuft über, ich kann nicht anders als zu loben, zu singen, mich mitzuteilen. Pfingsten, der Geist Gottes entfacht also das Feuer, die Begeisterung des Glaubens in meinem Herzen. Nicht ich bewirke dies, es ist Gottes Geist selber. Und er lockt mich geradezu: Ja, Gott liebt dich!

Liebe Gemeinde, immer wieder berichtet uns die Bibel von, ich nenne es einmal so, Erinnerungszeichen. Wie der Regenbogen für den Bund steht, den Gott mit den Menschen schloss. So steht die Taube für Gottes Geist. Ist es nicht eine schöne Erinnerung, wenn wir uns dessen bewusst werden, immer dann, wenn wir eine Taube gurren hören oder sie sehen, gar eine weiße Taube, uns an Gottes Geist zu erinnern? Wie er meinem Leben eine neue Ausrichtung gibt? Die Taube, ihr Flug und ihr Gurren können auch für uns zu pfingstlichen Zeichen werden. Wie der Wind und die Feuerflammen in der Erzählung der Apostelgeschichte. Wir müssen nicht, wo es um das Innerste des Glaubens geht, wie Paulus sich ausdrückt, „nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann“, davon sprechen. Sondern wir dürfen „mit Worten, die der Geist lehrt“ davon sprechen, „und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen“.

Und das bedeutet für mich, dass wir vielleicht durch unser Denken uns der Größe Gottes annähern können, aber nicht bis zum Herzen Gottes durchdringen. Das aber zeigt uns Jesus Christus. Und sein Geist wirkt das Wunder, dass wir glauben können. Denn mein Glaube kommt nicht aus mir selbst. Er ist ein Geschenk Gottes in seinem Geist. Martin Luther hat dies nach wie vor unübertroffen in seiner Erklärung zum 3. Glaubensartikel formuliert: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten … Das ist gewisslich wahr!“

Gott sei Dank ist das so. Denn wenn wir allein durch kluges Denken zum Glauben kommen würden, dann wäre dies doch wieder der alte Geist der Welt. Und den kennen wir zur Genüge! Und leiden darunter! Es entspricht doch dem Geist der Welt, dass scheinbar immer die schneller und besser zum Ziel kommen, die gescheit sind, intelligent, geistig gesund, leistungsfähig, vor allem durchsetzungsstark. Die nur auf sich selber sehen, und auch, wenn es sein muss, über Leichen gehen. Alle anderen, die nicht so sind, da nicht mithalten können oder wollen, haben das Nachsehen. Bei Gott aber ist es anders. Da geht es befreiend anders zu. Paulus und das Pfingstfest stehen dafür ein. Es kann sein, dass du gerade da, wo du dich schwach und hilflos fühlst, dich ganz vergessen fühlst, gerade da Gott in seiner tiefsten Zuwendung erlebst. Dir genau dann das innerste Wesen Gottes aufgeht. Du die Erlösung erfährst, eine unglaubliche, mit nichts zu vergleichende Befreiung. Es kann sein, dass durch ein ganz unbedeutendes Wort, eine scheinbar nebensächliche Ansprache, nur im Vorübergehen, der Heilige Geist dir das Evangelium ins Herz gibt. Du Kraft, Freude und Veränderung erfährst. Dich Gottes Liebe ausfüllt und erwärmt. Wenn jemand dies einmal erlebt hat, dann ist er verändert. Ist er ein neuer Mensch.

„Wenn dich der Geist des Evangeliums einmal angeweht hat, kannst du nicht anders als Gott zu loben und ihm zu danken“. So hat ein Theologieprofessor von mir einmal die Folgen von Pfingsten beschrieben. Und er bezeichnete dieses Wehen des Geistes als ein großes Geschenk. Wir können es nicht machen, denn der Geist weht bekanntlich, wo er will. Wir können uns ihm aber öffnen. Wir können sein Geschenk an uns annehmen. Und wir dürfen Gott dafür loben. Dann spüren wir, wie Paulus sich ausdrückt, dass Pfingsten nichts mit rationaler Erkenntnis zu tun hat. Sondern dass es Gottes Geschenk an uns ist. Dass er uns alles schenkt: in Christus, den Glauben, die Liebe, das Leben, meine Mitmenschen, den Frühling, die Sonne, die Natur, das Gurren der Taube – aber auch das Denken, das Lachen, den Witz, das Wunder.

Liebe Gemeinde, Gott sei Dank hat Gott uns seinen Geist geschenkt! Sonst wären wir übrigens heute alle nicht hier! Wir können nichts Schöneres tun, als uns daran von Herzen zu freuen. Und fröhlich die Lieder singen, „mit Worten, die der Geist lehrt“. Gott schenke es uns, dass wir von seinem Geist weitergeben, in den Alltag hinein, zu unseren Mitmenschen, in unsere Welt.
Amen