Predigt zu Jeremia 14,1-9 am 2. Sonntag nach dem Erscheinungsfest, 19.01.2020, Spaichingen, Pfarrer Johannes Thiemann

Liebe Gemeinde!
In seinem Buch „Die Menschheit schafft sich ab“ nimmt der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch eine schonungslose Gegenwartsanalyse vor. Und er fordert ein radikales Umdenken und ein Ende des Raubbaus am Planeten Erde. Lesch zufolge ist es vor allem die menschliche Gier und seine Gleichgültigkeit, die verantwortlich ist für den Klimawandel. Dabei verweist er unter anderem auf die Eisschmelze an den Polen, die zunehmende Zahl an Wirbelstürmen sowie die immer häufiger werdenden Dürreperioden und die Ausbreitung der Wüsten. Inzwischen ist der Klimawandel auch in Deutschland angekommen. Die Dürreperioden in den vergangenen zwei Jahren sind uns noch deutlich in Erinnerung und der Grundwasserspiegel hat sich bis heute noch nicht erholt. Dazu die Hitzerekorde mit Temperaturen über 40 Grad im letzten Sommer. Dabei geht es uns noch vergleichsweise gut, in anderen Regionen der Erde ist die Situation weitaus schlimmer und problematischer.
Neben vielen anderen Regionen auf dieser Erde kommt mir immer wieder auch Israel in den Blick, das Heilige Land im Zentrum des Nahen Ostens. Dieses Land droht geradezu auszutrocknen. Der Wasserspiegel im See Genezareth, so las ich vor kurzem, eine der wichtigsten natürlichen Wasserquellen und Wasserspeicher des Landes, ist auf seinen historischen Tiefststand gesunken. Es gibt bereits Überlegungen, wie der Wasserverbrauch der einzelnen Haushalte begrenzt werden kann. Die jetzige Wasserknappheit mag in ihrem Ausmaß als dramatisch zu bezeichnen sein. Aber dieses Problem begleitet die Menschen dort schon seit Urzeiten. Dieses Land befindet sich in einer der trockensten Regionen der Erde. Es überrascht also nicht, wenn dieses Thema der Dürre bereits in der Bibel, vor allem im AT, eine große Rolle spielt. Wie in den Versen des Jeremia, die wir als Predigttext gehört haben, gegen Ende des 7. Jahrhunderts.

Eine schreckliche Dürre herrscht zur Zeit des Jeremia in Israel. In drastischen Bildern schildert dies der Prophet. Das Erdreich lechzt nach Wasser, die Menschen verhüllen ihre Häupter, die fürsorglichen Muttertiere lassen ihre Jungen im Stich, den robusten Wildeseln geht die Luft aus. Das ganze Elend schreit geradezu zum Himmel: „Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?“ Wir hören einen aufwühlenden, erschütternden Hilferuf, mit dem bitteren Eingeständnis: „Unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben“. Es ist für die Israeliten klar, dass die Dürre eine Strafe Gottes für ihre Verfehlungen ist. Schuldbewusst wenden sie sich an diesen Gott, der allein Hilfe und Rettung bringen kann: „Du bist ja doch unter uns, Herr, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht“.

Die Trockenheit schränkt sowohl die Menschen als auch die Tiere sehr stark ein und belastet ihr Leben. Aber noch mehr als unter der Dürre leidet das Volk unter dem Gefühl der Gottesferne. Weil Israel doch aus vergangenen Zeiten Gott als einen ganz anderen Gott kennt, oder meint zu kennen – als den Schöpfer und Geber aller guten Gaben. Als Retter aus der Gefahr und Bedrängnis. Hatte er sie nicht aus der Sklaverei in Ägypten befreit? Hatte er sie nicht über 40 Jahre in der Wüste bewahrt und geführt? Hatte er sie nicht ins gelobte Land geführt? Ihre größte Not erwächst daraus, dass sie das Gefühl haben, dass sich Gott vor ihnen verbirgt, dass ihm ihr Elend, ihre Not ganz egal ist. Ja, dass er sogar dafür verantwortlich ist.

Ob nun Gott ihren Hilfeschrei hört, ihn erhört, das erfahren wir nicht. Das ist für mich auch nicht entscheidend. Sondern wie aktuell dieser Text für uns heute ist, uns betrifft. Worte des Propheten Jeremia aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert! Zwar sehen wohl die wenigsten von uns in den gegenwärtigen Dürreperioden und der gesamten ökologischen Krise eine Strafe Gottes. Aber auch wir wissen von einem Zusammenhang zwischen der Krise auf der einen Seite und der menschlichen Schuld auf der anderen Seite. Wie auch immer wir Schuld hier definieren wollen oder verstehen. Nach wie vor, auch bei uns im Land, so habe ich das Empfinden, ordnen die Regierungen in den meisten Ländern dieser Erde den Klimaschutz zuerst ihren wirtschaftlichen Interessen unter. Es macht mir Hoffnung und auch Mut, dass durch den zunehmenden Druck, der auf die politisch Verantwortlichen, direkt oder indirekt, ausgeübt wird, und gleichzeitig auch auf uns Verbraucher, dass sich doch etwas ändert an unserer Einstellung und unserem Verhalten. Hier ist es vor allem die jüngere Generation, die nicht mehr tatenlos zusehen möchte, was für mich nur zu verständlich ist, wie ihre zukünftigen Existenzgrundlagen rücksichtslos zerstört werden. Egal, wie man dieses Engagement sehen mag, wie es sehr oft negativ beurteilt wird, geradezu diffamiert wird. Denn erst durch ihren Druck, so scheint es, gerät langsam das eine oder andere in Bewegung.

Doch auch auf andere Art und Wiese ist dieser prophetische Text aktuell. Da geht es um die Gottesferne. Es gibt wohl keinen Menschen, der glaubt, der versucht seinen Glauben zu leben, dem nicht diese Erfahrung erspart bleibt, von der der Prophet spricht. Diesen Gedanken nimmt auch unsere Jahreslosung auf: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“. Nämlich das Empfinden, dass Gott nicht nachvollziehbar, unvermutet, und manchmal auch über längere Zeit, längere Durststrecken, weit weg zu sein scheint. Dass er sich vor mir verbirgt. Es muss dafür nicht immer eine Naturkatastrophe der Auslöser sein. Oft ist es eine schwere Erkrankung, ist es ein unvorhersehbarer Schicksalsschlag, welcher Art auch immer.
Martin Luther, auf den wir Evangelischen uns immer so gerne berufen, auch er war kein Glaubensheld, auch wenn er gerne zu einem stilisiert wird: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“  Auch er musste immer wieder Phasen erleben, durchleben, in denen er von einer bedrängenden, tief erschütternden Gottesferne ergriffen wurde, seine Seele dürre wurde. Trockenzeiten. Seine zahlreichen körperlichen Leiden haben sicher ihren Teil dazu beigetragen. Wir wissen um seine inneren Kämpfe, weil wir seine Werke und seine Briefe haben. In einem seiner Briefe hat er seinem Freund und Mitstreiter Philipp Melanchthon einmal geschrieben: „Ich bin mehr als die ganze Woche so im Tod und in der Hölle hin- und hergeworfen worden, dass ich jetzt noch am ganzen Körper mitgenommen bin und an allen Gliedern zittere. Ich habe Christus ganz verloren und wurde von den Fluten und Stürmen der Verzweiflung und der Gotteslästerung geschüttelt. Aber von den Gebeten der Freunde bewegt, hat Gott begonnen, sich meiner zu erbarmen, und meine Seele aus der tiefsten Hölle herausgerissen. Lass auch du nicht ab, für mich zu beten, wie auch ich es für dich tue. Dein Martin Luther“.

Liebe Gemeinde, die Gottesferne gehört zum Glauben dazu. Wie auch der Unglaube dazu gehört. Der Zweifel. Das Volk Israel hat diese Ferne in seiner Geschichte immer wieder durchlebt und durchlitten. Wie auch Martin Luther. Und niemand von uns ist vor den Stürmen und Fluten, wie sich der Reformator ausdrückt, abgesichert. Und vielleicht können wir in solchen Zeiten nichts Besseres tun, als zu rufen und zu beten, wie das Volk Israel: „Herr, verlass uns nicht! Hilf doch um deines Namens willen!“
Israel beruft sich nicht ohne Grund bewusst auf den Namen Gottes. Der Name Gottes heißt im Hebräischen „Jahwe“. Dieser Name ist also nichts anderes als ein Versprechen. „Ich bin, der ich bin“, „Ich werde sein, als der ich mich erweisen werde“. Auf diese Art kann dieses hebräische Wort „Jahwe“ übersetzt werden. Dann aber auch: „Ich werde für euch da sein!“. Wenn also das jüdische Volk sich auf den Namen Gottes beruft, dann sagt es: „Du wirst für uns da sein, wenn wir in Not sind. Du wirst uns helfen, wenn wir dich brauchen“. Der Gottesname enthält eine tiefe und schöne Zusage. Wenn Israel Gott also mit seinem Namen anruft, dann beruft sich das Volk auf diese Zusage, die Gott selbst gegeben hat.

Wir alle aber wissen und haben es schon erfahren, dass damit kein Automatismus verbunden ist. Schon gar nicht gibt es eine Garantie, wie wir uns Gotte Reaktion vorstellen, wie er zu handeln hätte. Gott reagiert nicht immer sofort, ist auch nicht gleich da, wenn wir rufen. Wie wir es gerne hätten. Er ist und bleibt für uns unverfügbar. Er behält sich vor, wenn ich es so ausdrücken darf, sicher sehr unzureichend, er behält sich vor, wann und wie er auf unsere Gebete reagiert, wie er in unser Leben eingreift. Darum sind wir als Gemeinde immer im Glauben aufeinander angewiesen. Wir brauchen einander, gerade dann, wenn unser eigener Glaube eine Durststrecke durchläuft. Gerade dann ist es wichtig, dass wir Menschen haben, die uns mit ihrer Nähe, Liebe, Zuneigung und ihrem Gebet tragen. Dietrich Bonhoeffer, ein weiterer evangelischer Glaubenszeuge, hat es einmal folgendermaßen ausgedrückt: „Eine christliche Gemeinde lebt aus der Fürbitte der Glieder füreinander oder sie geht zugrunde“. Manchmal sagen mir Menschen bei einem Besuch oder in einem Gespräch: „Ich kann gerade nicht beten. Es geht nicht, zu vieles ist mir fraglich geworden.“ Wäre es dann nicht gut für diesen Menschen, wenn ich für ihn beten würde? Und auch für mich? Denn ein Gebet für andere stärkt nicht nur den anderen, sondern wirkt sich auch auf mich aus. Wir dürfen spüren und erfahren, wie viel Wahrheit im Wochenspruch liegt, der uns begleitet: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“. Oder die heutige Schriftlesung, die Erzählung von der Hochzeit zu Kana mit ihrem Weinwunder: Wo Menschen im übertragenen Sinn auf dem Trockenen sitzen, kann immer wieder auch die Fülle Gottes sichtbar werden.

Gott aber ist und bleibt für uns der Unverfügbare. Wir haben ihn nicht als einen festen Besitz. Er ist uns nah, wie er uns fern sein kann. Diese Spannung macht unseren Glauben aus. Und macht uns das Glauben manchmal so schwer.
Eine alte chassidische Geschichte kann uns hier helfen:
Rabbi Josua wurde einmal von jemandem gefragt: „Warum wählte Gott einen Dornbusch, um mit Mose aus ihm heraus zu reden?“ Der Rabbi antwortete: „Hätte er einen Johannisbrotbaum oder einen Maulbeerbaum gewählt, so würdest du wohl die gleiche Frage gestellt haben. Doch es ist unmöglich, dich ohne eine Antwort fortgehen zu lassen. Daher sage ich: Gott hat den ärmlichen, kleinen Dornenbusch gewählt, um dich zu belehren, dass es auf Erden keinen Ort gibt, an dem Gott nicht anwesend ist. Sogar in einem Dornbusch.“
Amen