Predigt zu Römer 13, 1-7 am 23. Sonntag nach Trintatis, 04.11.2018, in Spaichingen, Pfarrer Thiemann

Liebe Gemeinde!
Gerade die eben gehörten Aussagen des Paulus machen deutlich, wie eng biblische Texte mit ihrer Wirkungsgeschichte verbunden sind. Immer wieder verbinden Menschen ihre eigene Situation mit biblischen Aussagen. Sie suchen Erklärungen für das, was gerade passiert, finden Orientierung für ihr Handeln, überprüfen das eigene Leben anhand biblischer Aussagen. Und rechtfertigen damit auch getroffene Entscheidungen. Jede Zeit sieht anders auf einen biblischen Text und gibt ihm einen je eigenen Klang. Aber selten wurde ein Text so hemmungslos für die Interessen der Herrschenden verzweckt, wie die heutigen Aussagen des Paulus. Herhalten musste er für die Begründung des Gott-Gnadentums mancher Könige, war religiöses Feigenblatt für menschlichen Machtmissbrauch, bis in unsere Zeit.
„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott. Wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet.“

Alles klar! Wer von Geburt an herrschte, tat dies „von Gottes Gnaden“. Wehe denen, die dagegen aufbegehrten! Sie stellten sich nicht nur gegen den jeweiligen Regenten, sondern zugleich gegen Gott. Und diejenigen, die regiert wurden, nahmen bestehende Verhältnisse achselzuckend als gottgegeben hin, übten sich in Kritiklosigkeit. Und wissen bis heute, dass „die da oben“ sowieso tun und lassen, was sie wollen. Wenn von Politikverdrossenheit die Rede ist, dann wissen wir warum es so ist. Was für eine niederschmetternde Wirkungsgeschichte dieser Text hat! Vor allem, wenn wir sehen, dass über Herrschende und ihre Macht geredet und nachgedacht wird, seit es sie gibt. „Dass Könige philosophieren, oder Philosophen Könige würden, ist nicht zu erwarten, aber auch nicht zu wünschen, weil der Besitz der Gewalt das freie Urteil der Vernunft unvermeidlich verdirbt“. Der Philosoph Immanuel Kant wiedersprach der Meinung Platons von einer „heilsbringenden Staatsphilosophie“, und er sieht eine Unverträglichkeit von Vernunft und politischer Herrschaft, wobei dies nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass Politiker zu egoistischen und machtbesessenen Schurken verkommen. Der Kirchenvater Augustinus entwirft noch ein harscheres Bild der Herrschenden: „Was sind also Königreiche, wenn ihnen die Gerechtigkeit fehlt, anderes als große Räuberbanden?“ Nur zwei Beispiele, die zeigen, dass die Wirkungsgeschichte dieses Textes nicht zwangsläufig so einseitig hätte verlaufen müssen.

Es schien, als ob Paulus der Obrigkeit eine Steilvorlage gegeben hätte, ihre eigenen Ansprüche als von Gott gegeben darzustellen. Sie mussten sich nicht einmal die Mühe machen, die eigenen Interessen in den Text hineinzulesen. Der Text wurde von oben benutzt und von unten wurde das geglaubt. Er schaudert einen, wenn man darauf zurückblickt. Was also hat Paulus uns heute zu sagen? Wir können nicht so tun, als ob wir nichts von der Wirkungsgeschichte dieser Verse wüssten. Dem Missbrauch vergangener Zeiten. Und doch wird der Text uns heute zugesprochen. Mit dem Anspruch, dass er uns heute etwas zu sagen hat. Was also klingt in diesen Aussagen auf? Da steht zuerst mein Unbehagen, der Obrigkeit unkritisch das Recht zuzusprechen. Wir wissen doch, wie Menschen sind!

2010 wurde ein kleines Buch des 93-jährigen UN Diplomaten Stephane Hessel zu einem Bestseller: „Empört euch“. Er wendet sich vor allem an die Jugend, dass sie wachsamer werde, politischer. Dass sie sich empören soll gegen jede Form von Politik, die freiheitliche Rechte zurücknimmt oder unterdrückt.  Er fordert zu einer engagierten Lebenshaltung auf, zu gewaltloser Revolte und zivilen Ungehorsam, wann immer teuer erkaufte Errungenschaften wie Menschenrechte, der Sozialstaat oder die internationalen Beziehungen in Gefahr sind, wie etwa die Vereinten Nationen. Wo immer also dies geringgeschätzt wird, dann empört euch! Damals millionenfach verkauft - und heute? Obwohl er fast prophetisch schrieb. Und liegt uns diese Haltung nicht näher, liebe Gemeinde? Sich zu empören gegen den Machtmissbrauch einer Obrigkeit, die den eigenen Vorteil zur Handlungsmaxime erhebt? Die nur noch auf sich selber sieht, ganz egoistisch, wie die Maxime „Amerika first“?  Oder ist uns bereits alles egal? Heißt das dann nicht auch, dass wir uns gegen Paulus empören müssten, der ja geradezu einen Begründungsrahmen für diesen Machtmissbrauch gegeben hat?
„Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen … um des Gewissens willen“.

Was ist denn „gut“, was ist „böse“? Kann unser Gewissen das unterscheiden? Wenn das so einfach wäre! Unser Leben ist nicht mit einem Western zu vergleichen, wo die Guten ohne weiteres von den Bösen unterschieden werden können. Eine schwarz-weiß Malerei gibt es nicht, wo immer eindeutig klar ist, wer wo und für was steht. Meist stehen wir vor der „Wahl des geringeren Übels“ oder versuchen uns für die beste Alternative zu entscheiden. Also ganz persönlich, ohne dass wir dies zu einem allgemeinen Handlungsprinzip erheben können, wie es Paulus tut. Konnte er darum so argumentieren, weil die damalige Obrigkeit für ihn ein „echtes Gegenüber“ war, Kaiser Nero, der die kleinen Anfänge der Christenheit gefährdete? Wie steht es mit der Aussage aus der Apostelgeschichte: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“? Hat Paulus aufgegeben, resigniert? Was sonst nicht seine Art war. Oder wollte er die kleine Gemeinde in Rom schützen?

Bei uns in Deutschland spielt das keine Rolle mehr. Steht doch im Grundgesetz Artikel 20: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“. Wir sind von der Idee her also beides in einem. Regierte und Regenten. Durch unser Wahlrecht bestimmen wir selbst unsere Obrigkeit. Das gilt nicht nur bei uns, zeigt sich aber leider nicht immer in dem, was wir beobachten. Gewählte Regierungen handeln immer öfter gegen alle Absprachen Da werden Verträge gebrochen, Absprachen ungültig, alles scheint plötzlich möglich zu sein. Es geht zuerst und allein um den eigenen Vorteil, nationalistische Selbstsucht drängt sich mehr und mehr in den Vordergrund. Und viele begrüßen dies, rufen gar nach vermeintlich starken Führungspersönlichkeiten. Was Generationen vor uns erkämpft haben, wird freiwillig und unhinterfragt einfach über Bord geworfen. Politikmüdigkeit, Desinteresse und schlichte Ignoranz machen sich breit. „Das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann, ist die Gleichgültigkeit gegenüber politischen Verhältnissen“. So schrieb Stephane Hessel. Müssen wir also gegen den Predigttext sprechen?

*Paulus war ein Kind seiner Zeit. Er war auch nur ein Mensch. Er hat sich einfach nur unglücklich ausgedrückt. Gut gemeint, um die Gemeinde zu schützen. Oder einfach nur blauäugig. Er kommt wohl nicht auf die Idee, dass die Obrigkeit auch ihre Macht missbrauchen kann*. Doch, liebe Gemeinde, damit werden wir Paulus nicht gerecht. Er hatte offenbar eine Vision einer übergeordneten Macht des Guten. Denn das Maß der Unterwerfung benennt er im letzten Satz dieses Textabschnitts:
„So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt“. Oder, wie Jesus sagt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“.
Wo über die Gebühr verlangt wird, wo also jemand mehr fordert, als ihm zusteht, da ist Widerstand nicht ausgeschlossen. Sondern geboten. Der allerdings seinen Preis hat. Die Frage ist, ob es uns dies wert ist, diesen Preis zu bezahlen. Wer in die Opposition geht, dessen Handeln wird immer durch das Gegenüber bestimmt. Widerstand ist immer eine Re-Aktion. In abgeschwächter Form gilt das auch für jede Form des Protests und der Kritik. Es ist immer ein nachgehendes Geschehen. Wer reagiert, lässt sich die Denk- und Handlungsoptionen von anderen vorgeben. Manchmal geht es nicht anders. Es nimmt uns aber die Freiheit, alternative Möglichkeiten zu verwirklichen. Damit sind wir an einem Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Verkündigung des Paulus zieht. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ So ruft er es der Gemeinde in Galatien zu, haben wir es am Reformationstag gehört. „Lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Oder an die Gemeinde in Korinth: „Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte“.

Der Brief an die Römer ist bestimmt vom Gedanken der Rechtfertigung. Gott hat uns in Jesus Christus die Schuld genommen, die uns gefangen hielt, uns von Gott trennte. Im Glauben haben wir die Freiheit, sein Heil anzunehmen. Uns schenken zu lassen. Alles andere hat immer nur vorläufige Bedeutung. Lasst euch davon nicht gefangen nehmen! Bleibt in der Freiheit, als Glaubende selbst zu handeln. Nicht nur zu reagieren. Wenn die Obrigkeit Ansprüche erhebt, die ihr gebühren, dann können wir sie gut erfüllen. Das gehört zu der Ordnung, die unser Zusammenleben regelt. Zu der wir selber „Ja“ gesagt haben. Das also ist gut und richtig. Und notwendig, damit die Obrigkeit die ihr aufgetragenen Aufgaben wahrnehmen kann. Und Gott hat uns in diese Welt gestellt, damit wir versuchen sollen, unser Leben zu gestalten. Nicht nur für uns, sondern für alle Menschen auf dieser Welt. Und in diesem Sinn ist die Obrigkeit Gottes Dienerin, wie es im Predigttext heißt. Wir gestalten mit, ob wir wollen oder nicht. Bewusst oder verdrängt. Und dazu gehört, dass wir dort in Opposition gehen, wo die Obrigkeit über das hinausgeht, was ihr zusteht. Wenn wir erkennen, wie sie all das in Frage stellt, was dem Zusammenleben unter allen Menschen dient. Wo Grundrechte und bisher gültige und notwendige Grundlagen nicht nur infrage gestellt werden, sondern über Bord geschmissen werden. Mit Füßen getreten werden, missachtet werden. In anmaßender Überheblichkeit!

Liebe Gemeinde, darum geht es Paulus. Daran hängt aber nicht unser Herz und nicht unser Heil! Unser Herz hängt an Gott und an seiner Liebe zu uns. Im Glauben haben wir die Freiheit nach dem Maß der Liebe zu handeln. Im Anschluss an die bisher gehörten Verse schreibt Paulus: „Seid niemanden etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt“.  Dies ist der Maßstab, an dem sich jede Obrigkeit messen muss, oder sich messen lassen muss!
AmenPredigt zu Römer 13, 1-7 am 23. Sonntag nach Trintatis, 04.11.2018, in Spaichingen, Pfarrer Thiemann

Liebe Gemeinde!
Gerade die eben gehörten Aussagen des Paulus machen deutlich, wie eng biblische Texte mit ihrer Wirkungsgeschichte verbunden sind. Immer wieder verbinden Menschen ihre eigene Situation mit biblischen Aussagen. Sie suchen Erklärungen für das, was gerade passiert, finden Orientierung für ihr Handeln, überprüfen das eigene Leben anhand biblischer Aussagen. Und rechtfertigen damit auch getroffene Entscheidungen. Jede Zeit sieht anders auf einen biblischen Text und gibt ihm einen je eigenen Klang. Aber selten wurde ein Text so hemmungslos für die Interessen der Herrschenden verzweckt, wie die heutigen Aussagen des Paulus. Herhalten musste er für die Begründung des Gott-Gnadentums mancher Könige, war religiöses Feigenblatt für menschlichen Machtmissbrauch, bis in unsere Zeit.
„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott. Wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet.“

Alles klar! Wer von Geburt an herrschte, tat dies „von Gottes Gnaden“. Wehe denen, die dagegen aufbegehrten! Sie stellten sich nicht nur gegen den jeweiligen Regenten, sondern zugleich gegen Gott. Und diejenigen, die regiert wurden, nahmen bestehende Verhältnisse achselzuckend als gottgegeben hin, übten sich in Kritiklosigkeit. Und wissen bis heute, dass „die da oben“ sowieso tun und lassen, was sie wollen. Wenn von Politikverdrossenheit die Rede ist, dann wissen wir warum es so ist. Was für eine niederschmetternde Wirkungsgeschichte dieser Text hat! Vor allem, wenn wir sehen, dass über Herrschende und ihre Macht geredet und nachgedacht wird, seit es sie gibt. „Dass Könige philosophieren, oder Philosophen Könige würden, ist nicht zu erwarten, aber auch nicht zu wünschen, weil der Besitz der Gewalt das freie Urteil der Vernunft unvermeidlich verdirbt“. Der Philosoph Immanuel Kant wiedersprach der Meinung Platons von einer „heilsbringenden Staatsphilosophie“, und er sieht eine Unverträglichkeit von Vernunft und politischer Herrschaft, wobei dies nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass Politiker zu egoistischen und machtbesessenen Schurken verkommen. Der Kirchenvater Augustinus entwirft noch ein harscheres Bild der Herrschenden: „Was sind also Königreiche, wenn ihnen die Gerechtigkeit fehlt, anderes als große Räuberbanden?“ Nur zwei Beispiele, die zeigen, dass die Wirkungsgeschichte dieses Textes nicht zwangsläufig so einseitig hätte verlaufen müssen.

Es schien, als ob Paulus der Obrigkeit eine Steilvorlage gegeben hätte, ihre eigenen Ansprüche als von Gott gegeben darzustellen. Sie mussten sich nicht einmal die Mühe machen, die eigenen Interessen in den Text hineinzulesen. Der Text wurde von oben benutzt und von unten wurde das geglaubt. Er schaudert einen, wenn man darauf zurückblickt. Was also hat Paulus uns heute zu sagen? Wir können nicht so tun, als ob wir nichts von der Wirkungsgeschichte dieser Verse wüssten. Dem Missbrauch vergangener Zeiten. Und doch wird der Text uns heute zugesprochen. Mit dem Anspruch, dass er uns heute etwas zu sagen hat. Was also klingt in diesen Aussagen auf? Da steht zuerst mein Unbehagen, der Obrigkeit unkritisch das Recht zuzusprechen. Wir wissen doch, wie Menschen sind!

2010 wurde ein kleines Buch des 93-jährigen UN Diplomaten Stephane Hessel zu einem Bestseller: „Empört euch“. Er wendet sich vor allem an die Jugend, dass sie wachsamer werde, politischer. Dass sie sich empören soll gegen jede Form von Politik, die freiheitliche Rechte zurücknimmt oder unterdrückt.  Er fordert zu einer engagierten Lebenshaltung auf, zu gewaltloser Revolte und zivilen Ungehorsam, wann immer teuer erkaufte Errungenschaften wie Menschenrechte, der Sozialstaat oder die internationalen Beziehungen in Gefahr sind, wie etwa die Vereinten Nationen. Wo immer also dies geringgeschätzt wird, dann empört euch! Damals millionenfach verkauft - und heute? Obwohl er fast prophetisch schrieb. Und liegt uns diese Haltung nicht näher, liebe Gemeinde? Sich zu empören gegen den Machtmissbrauch einer Obrigkeit, die den eigenen Vorteil zur Handlungsmaxime erhebt? Die nur noch auf sich selber sieht, ganz egoistisch, wie die Maxime „Amerika first“?  Oder ist uns bereits alles egal? Heißt das dann nicht auch, dass wir uns gegen Paulus empören müssten, der ja geradezu einen Begründungsrahmen für diesen Machtmissbrauch gegeben hat?
„Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen … um des Gewissens willen“.

Was ist denn „gut“, was ist „böse“? Kann unser Gewissen das unterscheiden? Wenn das so einfach wäre! Unser Leben ist nicht mit einem Western zu vergleichen, wo die Guten ohne weiteres von den Bösen unterschieden werden können. Eine schwarz-weiß Malerei gibt es nicht, wo immer eindeutig klar ist, wer wo und für was steht. Meist stehen wir vor der „Wahl des geringeren Übels“ oder versuchen uns für die beste Alternative zu entscheiden. Also ganz persönlich, ohne dass wir dies zu einem allgemeinen Handlungsprinzip erheben können, wie es Paulus tut. Konnte er darum so argumentieren, weil die damalige Obrigkeit für ihn ein „echtes Gegenüber“ war, Kaiser Nero, der die kleinen Anfänge der Christenheit gefährdete? Wie steht es mit der Aussage aus der Apostelgeschichte: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“? Hat Paulus aufgegeben, resigniert? Was sonst nicht seine Art war. Oder wollte er die kleine Gemeinde in Rom schützen?

Bei uns in Deutschland spielt das keine Rolle mehr. Steht doch im Grundgesetz Artikel 20: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“. Wir sind von der Idee her also beides in einem. Regierte und Regenten. Durch unser Wahlrecht bestimmen wir selbst unsere Obrigkeit. Das gilt nicht nur bei uns, zeigt sich aber leider nicht immer in dem, was wir beobachten. Gewählte Regierungen handeln immer öfter gegen alle Absprachen Da werden Verträge gebrochen, Absprachen ungültig, alles scheint plötzlich möglich zu sein. Es geht zuerst und allein um den eigenen Vorteil, nationalistische Selbstsucht drängt sich mehr und mehr in den Vordergrund. Und viele begrüßen dies, rufen gar nach vermeintlich starken Führungspersönlichkeiten. Was Generationen vor uns erkämpft haben, wird freiwillig und unhinterfragt einfach über Bord geworfen. Politikmüdigkeit, Desinteresse und schlichte Ignoranz machen sich breit. „Das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann, ist die Gleichgültigkeit gegenüber politischen Verhältnissen“. So schrieb Stephane Hessel. Müssen wir also gegen den Predigttext sprechen?

*Paulus war ein Kind seiner Zeit. Er war auch nur ein Mensch. Er hat sich einfach nur unglücklich ausgedrückt. Gut gemeint, um die Gemeinde zu schützen. Oder einfach nur blauäugig. Er kommt wohl nicht auf die Idee, dass die Obrigkeit auch ihre Macht missbrauchen kann*. Doch, liebe Gemeinde, damit werden wir Paulus nicht gerecht. Er hatte offenbar eine Vision einer übergeordneten Macht des Guten. Denn das Maß der Unterwerfung benennt er im letzten Satz dieses Textabschnitts:
„So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt“. Oder, wie Jesus sagt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“.
Wo über die Gebühr verlangt wird, wo also jemand mehr fordert, als ihm zusteht, da ist Widerstand nicht ausgeschlossen. Sondern geboten. Der allerdings seinen Preis hat. Die Frage ist, ob es uns dies wert ist, diesen Preis zu bezahlen. Wer in die Opposition geht, dessen Handeln wird immer durch das Gegenüber bestimmt. Widerstand ist immer eine Re-Aktion. In abgeschwächter Form gilt das auch für jede Form des Protests und der Kritik. Es ist immer ein nachgehendes Geschehen. Wer reagiert, lässt sich die Denk- und Handlungsoptionen von anderen vorgeben. Manchmal geht es nicht anders. Es nimmt uns aber die Freiheit, alternative Möglichkeiten zu verwirklichen. Damit sind wir an einem Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Verkündigung des Paulus zieht. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ So ruft er es der Gemeinde in Galatien zu, haben wir es am Reformationstag gehört. „Lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Oder an die Gemeinde in Korinth: „Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte“.

Der Brief an die Römer ist bestimmt vom Gedanken der Rechtfertigung. Gott hat uns in Jesus Christus die Schuld genommen, die uns gefangen hielt, uns von Gott trennte. Im Glauben haben wir die Freiheit, sein Heil anzunehmen. Uns schenken zu lassen. Alles andere hat immer nur vorläufige Bedeutung. Lasst euch davon nicht gefangen nehmen! Bleibt in der Freiheit, als Glaubende selbst zu handeln. Nicht nur zu reagieren. Wenn die Obrigkeit Ansprüche erhebt, die ihr gebühren, dann können wir sie gut erfüllen. Das gehört zu der Ordnung, die unser Zusammenleben regelt. Zu der wir selber „Ja“ gesagt haben. Das also ist gut und richtig. Und notwendig, damit die Obrigkeit die ihr aufgetragenen Aufgaben wahrnehmen kann. Und Gott hat uns in diese Welt gestellt, damit wir versuchen sollen, unser Leben zu gestalten. Nicht nur für uns, sondern für alle Menschen auf dieser Welt. Und in diesem Sinn ist die Obrigkeit Gottes Dienerin, wie es im Predigttext heißt. Wir gestalten mit, ob wir wollen oder nicht. Bewusst oder verdrängt. Und dazu gehört, dass wir dort in Opposition gehen, wo die Obrigkeit über das hinausgeht, was ihr zusteht. Wenn wir erkennen, wie sie all das in Frage stellt, was dem Zusammenleben unter allen Menschen dient. Wo Grundrechte und bisher gültige und notwendige Grundlagen nicht nur infrage gestellt werden, sondern über Bord geschmissen werden. Mit Füßen getreten werden, missachtet werden. In anmaßender Überheblichkeit!

Liebe Gemeinde, darum geht es Paulus. Daran hängt aber nicht unser Herz und nicht unser Heil! Unser Herz hängt an Gott und an seiner Liebe zu uns. Im Glauben haben wir die Freiheit nach dem Maß der Liebe zu handeln. Im Anschluss an die bisher gehörten Verse schreibt Paulus: „Seid niemanden etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt“.  Dies ist der Maßstab, an dem sich jede Obrigkeit messen muss, oder sich messen lassen muss!
Amen