Predigt zu Josua 2,1-21 am 17. Sonntag nach Trinitatis, 13.10.2019, in Spaichingen, Pfarrer Johannes Thiemann

„Und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster!“
Liebe Gemeinde, mit einer Abseilaktion endet die Rahab-Sage an dieser Stelle. Wir alle ahnen bereits, dass die Sache gut ausgehen wird. Jedenfalls für Rahab und ihre ganze Familie. Sie hat sehr viel riskiert und sie wird dafür belohnt. Ihre Geschichte hat es sogar bis ins NT geschafft, was nicht gerade naheliegend ist. Etwa im Stammbaum bei Matthäus wird Rahab als eine Art Urgroßmutter Jesu in der Liste seiner Vorfahren aufgezählt. Schon ganz früh verbindet sich also mit diesem Namen und der damit verbundenen Sage etwas, was dem NT wichtig ist, was es nicht unterschlagen möchte. Dass es nicht die Großen und Mächtigen sind, die Geschichte schreiben. Sondern die Kleinen, die Randfiguren. Dazu passt, dass der Lauf der Geschichte eben meist nicht von strategischen Überlegungen bestimmt wird und auf klug ausgearbeiteten Plänen aufbaut, sondern von leidenschaftlichen Gefühlen dieser „Randfiguren“. Die Rahab-Erzählung stellt auf einzigartige Weise einen direkten Zusammenhang zwischen menschlicher Leidenschaft und göttlicher Führung her. Denn wie Menschen fühlen und was sie antreibt, darin und dadurch zeigt sich Gottes Wirken in der Welt. Verglichen damit erscheinen alle äußeren Umstände unbedeutend.

In der Annahme und Voraussicht, dass wieder einmal ein heiliger Krieg anstand, um so der Sache seines gerechten Gottes zu dienen, vor allem damit seine Vorhersagen sich erfüllen konnten, schickt Josua zwei Kundschafter aus, um die Lage in Jericho auszuspionieren. Als eine spannende Spionagegeschichte kann diese Erzählung gelesen werden. Und wie kommen spionierende und kriegsbereite Männer am schnellsten und sichersten an geheime Informationen? Indem sie die Lage jener bekannten „Randfiguren“ ausnützen, die durch ihre Mitmenschen erst an den Rand gedrängt werden, nicht beachtet werden, weit eher mit Verachtung gestraft werden. Und die darum immer wieder gerne denen eins auswischen möchten, die sie so behandeln, die sie im Grunde verachten. Und sie dennoch für ihre Bedürfnisse brauchen und benützen. Umgekehrt gab es durch alle Zeiten hindurch vermutlich keine andere Gruppe von Menschen, die männlichen Geheimnisträgern mehr Informationen entlockten, als diese „Spezialistinnen“ der käuflichen Liebe, ich nenne sie einmal so. Immer wieder können wir dies in der Geschichte erfahren - und daran hat sich, so hat es den Anschein, bis heute nichts geändert. Und von den beiden Kundschaftern in unserer Erzählung wird nichts anderes erzählt, als dass sie ihr erster Weg in das Haus einer Prostituierten führte. Schon die Lage des Hauses von Rahab macht deutlich, dass sie eine Außenseiterin war. Ihre Wohnung liegt in der Stadtmauer, das Dach damit direkt auf der Stadtmauer. Das rote Seil erinnert an das Rotlichtmilieu in allen Zeiten. Auch das ist also nicht neu. Was uns aber aufhorchen lässt ist die Art und Weise, wie im Folgenden Rahabs Handeln beschrieben wird. Es wird uns hier das Bild einer klugen und weitsichtigen Frau mit einem großen Herzen geschildert. Auf der anderen Seite bestätigt sich nicht das Vorurteil, mit dem diese Frauen gerne abgestempelt werden, dass sie nur egoistisch handeln. Sondern wie sie sich fast rührend um ihre Eltern und Geschwister bemüht. Als ob die ganze Verantwortung für ihre ganze Sippe allein auf ihr lastet, vielleicht schon lange Zeit. Vielleicht wurde sie erst zu einer Prostituierten, zur Randfigur, weil allein so das Überleben ihrer Familie möglich war. Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall ist dies ein zentrales Kennzeichen für das Handeln und Auftreten dieser Rahab, dass sie mit sorgfältiger Überlegung den Schutz ihrer Familie im Blick hat und vorbereitet.

Und ein weiterer Gesichtspunkt wird an dieser Rahab-Erzählung deutlich, auch warum vielleicht gerade sie im NT erwähnt wird. Für Rahab ist die Selbstliebe und die Nächstenliebe nicht zu trennen. Was für eine enge bürgerliche Moral unvereinbar erscheint kann sie ohne Schwierigkeiten für sich zusammenbringen. Sie versucht sich und ihre Familie zu retten, auch wenn sie weiß, dass dabei jeder sich die Finger schmutzig macht, keiner sauber daraus hervorgeht. Nach einem weitverbreiteten Urteil war und ist eine Prostituierte eine mehr als zweifelhafte Person. Natürlich auch die Männer, die zu ihr gehen. Und es sind dann dieselben Moralvorstellungen, die es als Stärke eines Mannes ansehen, wenn er Krieg führt, um fremdes Land zu erobern, und dabei auch nicht Halt macht vor der Tötung von scheinbar gegnerischen Männern, Frauen, Kindern und Greisen. Und wie oft wird dann Gott gar als Begründung missbraucht, als der, der den Sieg erst ermöglicht hat, weil er es so wollte. Erst die Stärke und Kraft dazu gegeben hat. Der immer auf der Seite der Gewinner steht. Ist Rahab vielleicht gerade an dieser fragwürdigen moralischen Haltung hängen geblieben, ist sie darüber gestolpert, dass auf der einen Seite dieses Quälen und Töten keine Sünde sein soll, dafür das, was ihren Lebensunterhalt absicherte, als Sünde galt und angesehen wurde? Was also sollte mich daran hindern, mich so zu verhalten, wie ich es getan habe – um mich und meine Familie zu retten? Liebe Gemeinde, wer sich mit Rahab auf das Dach der Stadtmauer begibt, der kann im Grunde nur über diese Heuchelei lachen, die mit hohen moralischen Ansprüchen daherkommt und sich noch mit einem frommen Mäntelchen umhüllt.

Für Rahab geht es ums nackte Überleben. Und darum hat sie wohl kein Problem damit, nach unten zu treten um oben zu schwimmen. Ohne Frage kollaboriert sie mit dem Gegner um die eigene Haut zu retten. Doch gleichzeitig, und das ist für mich das Besondere an dieser Geschichte, ist sie warmherzig und besorgt. Nicht nur um ihre Familie, sondern auch um die beiden israelitischen Männer. Denn man würde sie umbringen, wenn man sie findet. Rahab aber versteckt sie auf ihrem Dach unter einem Haufen Flachs. Da muss man schon sehr geübt sein im Lügen, vor allem clever im Umgang mit Menschen, um in diesem Moment der Gefahr so abgebrüht und kalt reagieren zu können. Es gehört wohl auch zur Berufsehre der Rahab für die Unversehrtheit ihrer Kunden zu sorgen, von Moral möchte ich nicht sprechen, und sie diskret zu behandeln. Eine Nacht mit Rahab zu verbringen wäre wohl nichts Besonderes. Aber hier geht es für alle Beteiligten um die Rettung aus Lebensgefahr. Und darin erkennt sie ihre Chance. Ganz kühl und nüchtern schätzt sie ihre Lage ein, so beurteile ich es, während sicher alle anderen Bewohner von Jericho mit Hinhalteparolen besänftigt werden. Sie, als eine Unehrenhafte, am Rand der Gesellschaft Lebende, hat nichts mehr zu verlieren, schon gar keine Ehre. Sie sieht klar, was Sache ist. Vor allem erkennt sie die Angst, die umgeht in Jericho. „Ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen, alle Bewohner des Landes sind feige geworden“. So gesteht sie es den Kundschaftern und zählt all das Sagenhafte auf, das man sich über sie erzählt. Der Durchzug durchs Schilfmeer, der Bann über die Völker jenseits des Jordans, es werden keine Gefangenen gemacht, auch keine Beute. Es gibt nur Gefallene und Getötete. Und das alles geschieht durch den einen, eifernden Gott.

Was ist das für ein Gott, so wird nicht nur Rahab gefragt haben. Welch grausamer, schrecklicher Gott! Einer, den man fürchten muss. Hier gibt es für Rahab nur einen Ausweg: Wenn alle anderen vor ihm zittern, heißt es für sie schnell die Seiten zu wechseln. Ob aus Überzeugung oder Berechnung, das spielt jetzt keine Rolle mehr. Auch wenn viele Ausleger darüber spekulieren. Dieser Gott mag mit Jericho machen was er will, wenn er nur Rahab verschont und ihre Familie. Natürlich denkt Rahab dabei zuerst an sich selbst, wer würde ihr dies vorwerfen wollen. Aber eben nicht nur an sich selbst. Sie sorgt sich um die israelitischen Kundschafter, und um ihre Eltern und Geschwister. Ihr Überlebenswille kommt damit auch den anderen zu Gute. Egal, welcher Name dieser Gott hat, sie entscheidet sich für das Leben, ihr Überleben. Die Freude am Leben. Schalk und Humor, Lüge und Lust, Gewalt und Kollaboration, all dies findet sich in dieser Erzählung. Und all das gehört zum Leben, zum Überleben dazu. In all dem zeigt Rahab ihr menschliches Gesicht. In einer Welt voller Hinterhältigkeit, Tricksereien, Grobheit und Brutalität agieren hier Menschen, die miteinander einen Treueschwur ablegen. Die Kundschafter müssen Rahab schwören sie und die Ihren zu verschonen. Und als Zeichen ihrer Abmachung muss Rahab ein rotes Seil ins Fenster hängen, mit dem sie die Männer an der Stadtmauer ins Freie lässt. Dann muss sie ihre Familie bei sich im Haus versammeln, damit nichts schief geht.

Für Rahab geht die Sache gut aus, so hören wir später. Drei Tage suchen die Verfolger des Königs von Jericho die beiden Kundschafter in den Bergen und finden sie nicht. Ganz Israel lacht sich darüber ins Fäustchen. Was aber die beiden Kundschafter dann Josua melden ist wichtiger und interessanter als alle genauen Kriegsschilderungen, welche Waffen und welche Taktik oder wieviel Männer, wenn sie ihm erzählen, was Rahab ihnen gesagt hat: „Alle Bewohner des Landes sind vor euch feige geworden“. Die Angst wird zum Gottesurteil in dieser Erzählung. Denn aus der Angst der Bewohner von Jericho folgt die Siegesgewissheit der Israeliten: „Der Herr hat uns alles Land in unsere Hände gegeben“. Und damit sind es wieder die Gefühle der Menschen, durch die sich Gott offenbart. Daran glaubt Rahab. Und dies macht das Besondere der Rahab-Sage aus.

Liebe Gemeinde, es bleibt die Frage, was wir heute von diesem Gottesbild lernen können. Denn dieser unbedingte Überlebenswille und dieses Vertrauen wurde mehrmals im NT aufgenommen. Wie schon erwähnt im Stammbaum Jesu, den uns Matthäus überliefert, von dem, der später das Dreifachgebot der Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe ins Zentrum  seines Redens und Handelns stellt. Als Vorbild des Vertrauens und Glaubens wird Rahab im Hebräerbrief erwähnt. Könnte nicht heute diese menschlich-humorige und lustvolle Erzählung über Rahab für jene Seiten in unserem Leben stehen, die wir bisher nicht zu leben gewagt haben? Ein Vertrauen, das auch etwas wagt? Ein Glaube, der all jene Seiten des Lebens in den eigenen Lebensmauern gelten lässt, die bisher nur als Bedrohung für das bisher Erreichte angesehen wurden?
Für mich steht diese Rahab-Erzählung, später Jesus, für die Umwandlung der Angst in Vertrauen, mag es auch ein verzweifeltes Vertrauen sein. Immer dort, wo wir merken, dass alte Mauern wie von selbst zusammenfallen, sobald wir unsere Angst überwinden und dadurch einen neuen Zugang zum Vertrauen erhalten. Neues Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten und in den anderen, der mir gerade zum Nächsten geworden ist. Und damit in das Vertrauen zu Gott selbst.
Amen