Predigt zu Johannes 18, 28- 19,5 am Sonntag Judika, 07. April 2019, Spaichingen, Pfarre Johannes Thiemann

„Schaffe mir Recht, Gott!“
Liebe Gemeinde, so fleht der Psalmbeter. Und seine Worte geben dem heutigen Passionssonntag Judika den Namen. Schaffe mir Recht, so rufen Menschen in der Vergangenheit und Gegenwart auf der ganzen Welt. Sie rufen es, weil ihnen offensichtlich und schmerzhaft Unrecht geschieht. Weil ungerechte Machthaber und Verhältnisse das Recht mit Füßen treten. Schaffe mir Recht, so rufen die zu Unrecht Verfolgten und die zu Unrecht Abgelehnten. Rufen Menschen, denen falsch verstandene Gesetzlichkeit das Leben schwermacht. Schaffe mir Recht, Gott, auch ich rufe manchmal so, wenn ich meine, mir geschieht Unrecht. Und nicht einfach nur andere angreife und anklage. Dann rufe ich es im Vertrauen auf den Gott, der das Recht liebt und dafür eintritt und das Unrecht hasst.

Und um Recht und Unrecht geht es auch bei dem Prozess Jesu. Nach dem Johev findet der Prozess am Tag vor dem Passafest statt. Es ist der Tag, an dem die Passalämmer für das Festmahl geschlachtet werden. Voraus ging Jesu Gefangennahme und sein Verhör vor der religiösen Obrigkeit in Jerusalem, dem Hohen Rat. Der Prozess wird einem Menschen gemacht, der noch vor Kurzem die Liebe als das alles umfassende Gebot bezeichnet hat. Jesus kannte das mosaische Gesetz. Er kannte es nicht nur, er lebte es auch. Seine Auslegung unterschied sich aber von der Interpretation der Theologen seiner Zeit. Für Jesus waren die Gebote Lebensworte, sie sollten Recht schaffen und Unrecht verhindern. Nach Jesu Auslegung geschieht da Recht, wo die Liebe das leitende Prinzip ist. Sein Auftrag war, das Gesetz des Mose und das Doppelgebot der Liebe in Übereinstimmung zu bringen. Danach hat er gelebt, danach hat er gehandelt.
Als er durch das heidnische Samarien reiste und am Jakobsbrunnen der Stadt Samaria eine Frau traf, ließ er sich in ein Gespräch von ihr verwickeln. Rein äußerlich verstieß er damit mehrfach gegen das Gesetz des Mose: Er sprach mit ihr, obwohl sie eine Frau war und einer anderen Religion angehörte. Obwohl er wusste, dass sie in einer nichtehelichen Partnerschaft lebte. Nach dem Gesetz des Mose hätte er sich von ihr abwenden und ihrem Schicksal überlassen müssen. Nach dem Recht der Liebe aber wandte er sich der Frau zu, sprach mit ihr und verkündigte ihr mit Wort und Tat das Heil Gottes.
Nicht anders verhielt er sich, als ein römischer Beamter, also wiederum ein Nichtjude, ihn für seinen kranken Sohn um Hilfe bat. Jesus heilte das Kind ohne Ansehen der Person und führte den Vater ohne große Worte durch sein Liebeshandeln zum Glauben. Die aus Liebe vollbrachte Heilung war Botschaft genug. Mehr bedurfte es nicht, um den römischen Beamten zum Gott Israels zu bekehren.
Und ebenfalls ein Zeichen seiner alle Grenzen überschreitenden Liebe war das Gespräch mit einer anderen Frau. Als Ehebrecherin wurde sie von der religiösen Obrigkeit zu ihm gebracht. Offensichtlich war sie ihrem Mann untreu geworden – oder er ihr? – und hatte somit das mosaische Gesetz übertreten. Auf eine solche Tat stand Steinigung. Gespannt lauerten die Ankläger auf Jesu Worte. Was würde er mit dieser Frau machen? Würde er das Gesetz befolgen und sie der Steinigung preisgeben oder würde er sie freisprechen und damit das Gesetz brechen? Den Anklägern ging es dabei nicht um die Frau. Es ging ihnen um Jesus. Sie benutzten die Frau, um ihm eine Falle zu stellen. Jesus aber kümmerte sich nicht um ihre Motive. Er sah die Frau und er erkannte: Sie und ihre Notlage wurden von Männern benutzt, deren Rechtsauffassung dem Gebot der Liebe entgegenstand. Die Ankläger forderten das buchstabengetreue Einhalten des Gesetzes. In ihrer Rechtschaffenheit übersahen sie, dass auch sie nicht immer sündlos lebten.

Alles Beispiele, in denen Jesus scheinbar das Gesetz des Mose gebrochen hatte. Erzählungen, in denen er sich von der Liebe und nicht vom Gesetz leiten ließ. Hatte er damit aber tatsächlich das Gesetz gebrochen oder hatte er das Gesetz mit seinem Handeln nicht gerade so ausgelegt, wie es von Gott gedacht war? Was ist die Funktion des Gesetzes? Soll es zu einem tadellosen Leben führen oder soll es Menschen zum Nachdenken und zur Umkehr rufen? Soll das Gesetz den Menschen daran erinnern, dass niemand von sich aus gerecht ist, Gott aber jedem und jeder Recht schafft? Mit dieser Frage stehen sich zwei unterschiedliche Auslegungen des Mosegesetzes gegenüber. Da ist einmal die Auslegung der religiösen Obrigkeit zur Zeit Jesu, und da ist Jesu eigene Auslegung des Gesetzes. Die Auslegung der damaligen Theologen trägt dem Buchstaben des Gesetzes Rechnung. Jesu Auslegung trägt der Liebe und damit dem Leben Rechnung. Weil beides sich nicht vereinbaren lässt, ist es verständlich, wenn Jesus durch sein Verhalten immer öfter ins Visier der religiösen Obrigkeit kam. Mit seinem unerschrockenen und von der Liebe geleiteten Handeln verstößt er in den Augen der Gesetzeslehrer gegen das religiöse Gesetz. Und der Verstoß gegen das von Gott gegebene Gesetz ist Gotteslästerung. Darauf steht die Todesstrafe.

Dass Jesus gegen die buchstabengetreue Auslegung des Gesetzes verstoßen hat und somit als Gotteslästerer getötet werden muss, ist für die Gesetzeslehrer keine Frage. Im verlauf der Zeit geht es nur noch darum, das Todesurteil hieb- und stichfest zu begründen. So zu begründen, dass es auch der römischen Besatzungsmacht plausibel erscheint. Denn das hat mit dem Recht der römischen Besatzungsmacht zu tun. Seit Judäa dem römischen Kaiser unterstellt ist, dürfen jüdische Richter kein Todesurteil fällen. Ein solches steht allein dem römischen Statthalter zu. Somit kann die Begründung für den Todesbeschluss Jesu kein rein religiöser sein, denn einem solchen muss der römische Statthalter nicht folgen. Sein Urteil muss politisch begründet sein.

Als Jesus zum Palast des römischen Statthalters Pilatus geführt wird, steht das religiöse Urteil bereits fest. Nun geht es nur noch darum, den Römer von dem Urteil zu überzeugen, dass er das Todesurteil ausspricht. Die Ankläger Jesu bringen den Angeklagten zum Palast des Pilatus, betreten sein Haus aber nicht. Die Männer warten, bis er zu ihnen herauskommt. Diese Vorgehensweise ist wiederum im mosaischen Kultgesetz begründet, nach dem der gläubige Jude sich durch das Betreten eines heidnischen Hauses sieben Tage verunreinigt. Nun steht aber das Passamahl vor der Tür. Weil das Mahl nur von kultisch reinen Personen gegessen werden darf, wollen die Ankläger Jesu sich nicht verunreinigen.

Pilatus hat kein Interesse, sich für die religiösen Interessen der Juden missbrauchen zu lassen. Sein Gespräch macht dies deutlich. Er kann und will sich das aus religiösen Gründen gefällte Urteil nicht zu eigen machen. Da er sich als oberster Richter der Sache annehmen muss, hofft er, im Gespräch mit dem Angeklagten zu einer Lösung zu kommen. Als Vertreter des römischen Kaisers stellt er zuerst eine politisch motivierte Frage: „Bist du der Juden König?“ Würde Jesus diese Frage bejahen, wäre alles einfach, dann könnte Pilatus ihn aus politischen Gründen verurteilen. Jesu Antwort macht ihm dies unmöglich. Statt zu antworten, stellt Jesus eine Gegenfrage. Das sich daraus entwickelnde Gespräch führt Jesus zu der Aussage: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ Damit ist alles gesagt! Wäre er ein irdischer Machthaber, würden seine Anhänger für ihn kämpfen. Jesus aber ist kein irdischer Machthaber. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Sein Auftrag besteht auch nicht im Aufrichten eines irdischen Reiches. Sein Auftrag besteht allein im Aufrichten von Gottes Reich. Dazu gehört es, von der Wahrheit zu zeugen, die allein bei Gott ist.

Um die Wahrheit geht es dann im Gespräch mit Pilatus: „Was ist Wahrheit?“, das fragt nicht nur er. „Was ist Wahrheit?“, das fragen Menschen aller Zeiten. Fragen Menschen heute vor dem Hintergrund unserer pluralistischen Welt. Im Gespräch mit Pilatus gibt Jesus darauf indirekt eine Antwort, indem er von sich sagt: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll“. Was heißt das? Auch ich frage so, wenn ich nach der Wahrheit suche. Eine Antwort leuchtet mir am meisten ein: Wahrheit bedeutet, Gott und seinen Willen gegenüber den Interessen der Welt und ihren Machthabern zur Geltung zu bringen. Gott allein ist der Maßstab. Gottes Willen in einem von seiner Liebe geleiteten Handeln zu verkündigen und sein Gesetz mit Taten der Liebe zu erfüllen, das heißt die Wahrheit zu bezeugen. Dass Jesus kein politischer Rebell ist, begreift Pilatus. Nach römischem Recht findet er keine Schuld an ihm. Trotzdem fällt er indirekt bereits jetzt ein Urteil, als er Jesu Ankläger an ihr Recht der Passa-Amnestie erinnert. Nach dem Passa-Brauch haben die Juden das Recht, die Freilassung eines zu Tode verurteilten Verbrechers zu ihrem Fest zu erbitten. Wer jedoch als Kandidat für die Amnestie angeboten wird, ist schon verurteilt. Denn nur so macht es Sinn, deutungsoffen zu fragen: „Wen soll ich euch losgeben? Soll ich euch den „König der Juden“ losgeben?“

Indem Jesu Ankläger – entgegen der Hoffnung des Pilatus – die Freigabe eines politischen Widerstandskämpfers erbitten, geht die Rechnung von Pilatus nicht auf. Hatte er noch gehofft, mit seiner Frage Jesu Freispruch zu erreichen, muss er nun erkennen, dass es um ganz anderes als eine politische Begründung het. Noch einmal versucht er, Mitleid bei den Anklägern zu erwirken, indem er Jesus geißeln und von seinen Soldaten verspotten lässt. Jesus lässt auch dies wehrlos über sich ergehen und zeigt mit seinem Verhalten, dass die Anklage jeder äußeren Begründung entbehrt.
Dass Pilatus am Ende den Menschen Jesus, an dem er keine Schuld findet, zur Kreuzigung freigibt, hat nur scheinbar einen äußeren Grund. Es ist im Letzten weder die religiöse Obrigkeit noch der römische Statthalter, die die Verantwortung für seine Kreuzigung tragen. Es ist die gottlose Welt und es sind die Menschen, die sich von Gott und seinem heilbringenden Wort getrennt haben, die für Jesu Kreuzigung Verantwortung tragen. Dabei steht Jesu Kreuz nicht für Gottes Strafe. Sein Kreuz ist das Zeichen seiner grenzenlosen Liebe.

Indem Jesus bis ans Ende daran festhält, dass Gottes Gebot den Menschen nicht als „Zuchtmeister“, sondern als Beweis seiner Liebe gegeben ist, zeigt er, dass Recht niemals legalistisch durchgesetzt werden kann. Äußerlich rechtlos und ohne menschlichen Beistand lässt Jesus sich kreuzigen. Dass er aber keinesfalls rechtlos ist, erlebt er am Ostermorgen, an dem Gott den zu Unrecht Verurteilten als Sieger aus dem Grab ruft. Gott schafft Recht! Er schafft es auf dem Weg der Liebe, auch dann, wenn es lange scheint, als würde Unrecht das Recht besiegen. Gott schafft Recht, zu seiner Zeit!
Amen