Predigt zu Philipper 3,7-14, 9. Sonntag nach Trinitatis, 18.08.2019, Spaichingen, Pfarrer Johannes Thiemann

Liebe Gemeinde!
Wenn von Paulus die Rede ist, dann wissen die meisten, wie wichtig und zentral er für die Ausbreitung des christlichen Glaubens war. Schon die Vielzahl seiner Briefe, die uns das Neue Testament überliefert, ist dafür ein Beleg. Früher wurde uns in der Kinderkirche das Bild vom Apostel Paulus als eines strahlenden Menschen übermittelt. Fast ein „Superstar“. Der alle Anfechtungen bestanden hat. Als einer, der immer genau weiß, was Sache ist. Der alles überblickt. Der also auf einer höheren Stufe steht. Der mit einem strahlenden Lächeln, manchmal einem leicht überlegenen Lächeln auf seine Zeitgenossen sieht. Aber auch ein Fanatiker, der ohne wenn und aber mit seinem alten Leben gebrochen hat, seiner Vergangenheit. Der das Ziel erreicht hat und darum seine Mitmenschen zurechtweist, mit oft drastischen Worten: „Kot, Unrat, Dreck!“
Das ist ein Bild von Paulus. Vermittelt unser heutiger Predigttext nicht einen ganz anderen Paulus? Der zwar als leidenschaftlicher Mensch argumentiert und schreibt, aber nicht arrogant, sondern als ein Betroffener, der noch nicht am Ziel ist, einer wie du und ich, aus Fleisch und Blut. „Nicht ich!“ Mit diesem Ausruf können wir die Überzeugung des Paulus auf den Punkt bringen. Es geht nicht um mich, sondern um Christus. Auf vieles, was er geleistet hat, könnte Paulus verweisen. Aber er verzichtet darauf. Er ist nicht die Mitte, um die sich alles dreht. Es geht um Christus, er möchte über ihn ein Gespräch beginnen. Zum Nachdenken anregen. Er ist leidenschaftlich, aber auch verletzlich. Kein perfekter Mensch. Er zeigt sich als ein „imperfekter“ Mensch.

Von Sir Peter Ustinov, diesem großartigen Schauspieler, habe ich einmal gelesen: „Irgendwo auf meinen Reisen durch die Welt stand ich plötzlich vor einer Häuserwand. Auf ihr hatte ein hintersinniger Witzbold ein Graffiti gemalt: „I am perfec!“ Eine Sekunde war ich verwirrt und dachte: Kann der Typ kein Englisch? Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Sprüher hatte das „t“ absichtlich eingespart“.
Der imperfekte Mensch!

Ich denke, keiner von uns wird dies bestreiten, dass Menschen eben nicht perfekt sind. Wir alle machen Fehler. Nur ganz Eitle oder auch übergroße Narzisten werden dies verneinen. Nur Selbstherrliche machen keine Fehler! Dazu kommt, dass meine Selbstbeurteilung und Selbsteinschätzung sehr oft nicht mit der Fremdwahrnehmung meiner Person übereinstimmt, gar im Kontrast steht. Denn wer von uns schätzt sich schon selbst als „perfekt“ ein, bewertet sich selbst als „herausragend“ oder „ausgezeichnet“? Das wirkt doch nur peinlich, gar abstoßend auf andere, zumindest befremdlich.
Der „imperfekte“ Mensch, der nicht vollkommene Mensch. Mit all seinen Schwächen, auch Peinlichkeiten. Mit allem, wo er anstößt und aneckt. Mit seinen Gebrechen, seinen Fehlern. Nicht nur jung, dynamisch, Fitnessstudiogestählt, sonnengebräunt. Immer lächelnd, mit blendend weißen Zähnen. Sondern mit Falten, gealterter Haut, gebeugt, vom Leben gezeichnet.
Paulus als „imperfekter“ Mensch, der auch manchmal mit Worten um sich wirft, die anstößig sind, seine Hörer vor den Kopf stößt, die er doch für sich zu gewinnen sucht. Für seine Botschaft vom Evangelium. Und als ein solchermaßen gespaltener Mensch erlebt er sich. In seinem Leben gab es viele Situationen, so bekennt er, wo er gegen seine Überzeugung, gegen seinen Glauben, gegen seine Liebe, gehandelt hat. In denen er sich selbst verloren hat. Auch ein fester Glaube, ein tiefes Vertrauen schützt ihn nicht vor dieser bitteren Erfahrung. Der Glaube ist nicht automatisch eine Schutzzone des Menschen vor sich selbst. Ob das Leben gelingt ist nicht, auch nicht im Glauben, zu garantieren.

Paulus ist auf dem Weg des Lebens unterwegs. So versteht er sich und erlebt sich dabei nicht als perfekt, sondern als imperfekt. Als ein Lernender und Irrender. Was bei dieser Erkenntnis für ihn zählt ist nicht der Blick auf eigene Leistungen, sondern sein Blick auf das, was ihm geschenkt wird. Darum trumpft er nicht mit seinen Leistungen auf, im Gegenteil. Dies würde nur kurzfristig wirken. Wäre wie ein Sieg, der sich im Grunde in eine Niederlage verwandeln würde. Sozusagen ein „Pyrrhussieg“. Ich habe nachgeschlagen: König Pyrrhos I von Epirus wird zugeschrieben, dass er nach einem Sieg über die Römer 279 v. Chr. gesagt haben soll: „Wenn wir die Römer in einer weiteren Schlacht besiegen, werden wir gänzlich verloren haben!“ Oder kürzer: Nach einem Sieg, ob tatsächlich oder nur vermeintlich, zählt auch der Sieger zu den Verlierern. Wählt Paulus darum seine so drastischen Worte, mit denen er seine Zuhörer – und auch sich – bezeichnet? „Kot, Unrat, Dreck“ – es ist alles Mist, wenn ich mich als einen perfekten Menschen hinstelle und wahrnehme? Der allein die Weisheit mit großen Löffeln zu sich genommen hat, sich über alle erhaben fühlt, auf andere herabsieht, sie gar verhöhnt und verachtet, weil sie es noch nicht begriffen haben?

Dabei ist Paulus nicht unglücklich über sein bisheriges Leben. Er erlebt sich nicht als gescheitert. Er ist kein Neubekehrter, der mit seiner Vergangenheit absolut gebrochen hat und nun, wie ein Fanatiker, handelt, vor allem das Frühere vehement bekämpft und verneint. Es gab für ihn einen Neubeginn in und durch die Begegnung mit Christus. Glaube bedeutet für Paulus ihm begegnet zu sein. Es zählt nicht mehr die eigene Gerechtigkeit, sondern eine Gerechtigkeit, deren Maßstab der Glaube ist. Der sich Gott anvertraut, sich beschenken lässt. Nicht auf eigene Leistung baut und pocht. Diese Gerechtigkeit, die sich am Glauben misst, ist keine „Payback-Card“, wo mein Umsatz durch Zusatzbonifikationen entlohnt wird. Es gibt hier kein Habenkonto mit Bonuspunkten. Denn nicht das Erreichte ist wichtig, sondern dass wir immer wieder auf dem Weg und auf der Suche sind. Nicht schon fertig, sondern lernbereit, neugierig und offen. Nicht ein Haben, sondern ein Sein.

Liebe Gemeinde, auch wenn Paulus immer wieder sehr drastische Worte wählt geht es ihm nicht um plumpe Parolen. Nicht um simple schwarz-weiß-Malerei. Vorher war alles schlecht und jetzt ist alles gut! Nach dem Motto: Wende dich nur an Christus, und dir kann nichts mehr passieren. Er ist noch immer auf der Suche. Er lebt aus der Kraft der Begegnung mit dem Auferstandenen und er hat Teil an dessen Leiden und an seiner Auferweckung. So beschreibt Paulus für sich den Weg des Glaubens. Weil Christus ihn ergriffen hat, in sein Leben eingegriffen und es verändert hat.
Doch unterliegt nicht genau an diesem Punkt Paulus der Gefahr, sich, wenn auch indirekt, als Vorbild anzubieten?  Etwa in dem Sinn: Macht es wie ich, dann seid ihr schon auf dem richtigen Weg? Damit würde er doch noch in den Verdacht geraten perfekt sein zu wollen. Perfekt in seinem imperfekt Sein. Es ist gut und hilfreich, wenn wir auf die Zwischentöne achten: Paulus formuliert sehr vorsichtig und zurückhaltend, wenn er sich als Beispiel vorstellt. Nicht als Norm, als Maßstab oder als das Nonplusultra. Er spricht ganz persönlich. Er hat für sich Christus als heilend erfahren. Darum stellt er für sich Christus in den Mittelpunkt und nicht seine eigene Person oder seine eigenen geistlichen Entdeckungen und Erfahrungen. Schon gar nicht seine Leistungen! Er sieht sich als Hinweis, als eine Empfehlung, wie die Begegnung mit Christus unser Leben verändern kann und welche Dinge wichtig und wesentlich sind. Ganz vorsichtig geht er bei seiner Argumentation vor und lädt jeden Hörer und Leserin dazu ein, über seine Worte nachzudenken und dabei zu erspüren, herauszufinden, wo die Kraft Gottes im je eigenen Leben am Wirken ist. Wo jeder Gott in seinem Leben erkennen und spüren kann. Und das kann jede und jeder!

Kommentatoren nennen die Form dieses Textabschnitts eine „Narrenrede“, die Paulus hier hält. Weil er mit seiner Argumentation paradox vorgeht, wenn er sein eigenes Ergehen dabei erwähnt, zugleich aber darauf hinweist, dass es nicht auf ihn ankommt. Sondern auf das, was außerhalb seiner eigenen Möglichkeiten liegt. Was ihm von Gott geschenkt wird.
Liebe Gemeinde, unser Leben verstanden als ein nicht aufhörendes unterwegs sein. Dem Ziel entgegen. Dabei immer offen für Neues und immer lernbereit. Nie fertig sein. Die Augen nach rechts und links gerichtet und dabei das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Offen sein und neugierig, und dennoch fixiert auf das Ziel. Das Leben, auch das Christenleben, wenn ich Begriffe aus der Leichtathletik aufnehmen darf, ist kein Sprint, sondern eher ein Marathon. Hier sind immer wieder Ausdauer und auch Stehvermögen gefragt. Kondition und immer wieder neue Motivation. Dies alles ist uns nur möglich, weil wir „exzentrisch“ leben, wenn wir uns an Christus orientieren. Exzentrisch, also nicht von mir und meinen Möglichkeiten ausgehend. Sondern weil mir dies alles immer wieder von Gott zukommt. Geschenkt wird. Exzentrisch, indem ich offen bin für den Himmel und immer hörend und staunend unterwegs bin auf dem Weg des Glaubens und des Lebens.

Paulus, kein Fanatiker, kein Superstar, kein arroganter Typ, der über allem und allen steht. Abgehoben, durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Nein, eher als ein leidenschaftlicher Mensch ist er zu bezeichnen, der mit all seiner Energie auftritt, spricht und handelt, dabei immer Christus und sein Evangelium in den Mittelpunkt stellt und nicht sich selbst. Denn die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, Jesus Christus, weitet seinen Blick hin auf das Leben, auf seine Mitmenschen, lässt ihn offen und neugierig bleiben und öffnet dadurch den Horizont des Glaubens.
Auf diesen Weg möchte uns alle immer wieder das Evangelium helfen!
Amen Predigt zu Philipper 3,7-14, 9. Sonntag nach Trinitatis, 18.08.2019, Spaichingen, Pfarrer Johannes Thiemann

Liebe Gemeinde!
Wenn von Paulus die Rede ist, dann wissen die meisten, wie wichtig und zentral er für die Ausbreitung des christlichen Glaubens war. Schon die Vielzahl seiner Briefe, die uns das Neue Testament überliefert, ist dafür ein Beleg. Früher wurde uns in der Kinderkirche das Bild vom Apostel Paulus als eines strahlenden Menschen übermittelt. Fast ein „Superstar“. Der alle Anfechtungen bestanden hat. Als einer, der immer genau weiß, was Sache ist. Der alles überblickt. Der also auf einer höheren Stufe steht. Der mit einem strahlenden Lächeln, manchmal einem leicht überlegenen Lächeln auf seine Zeitgenossen sieht. Aber auch ein Fanatiker, der ohne wenn und aber mit seinem alten Leben gebrochen hat, seiner Vergangenheit. Der das Ziel erreicht hat und darum seine Mitmenschen zurechtweist, mit oft drastischen Worten: „Kot, Unrat, Dreck!“
Das ist ein Bild von Paulus. Vermittelt unser heutiger Predigttext nicht einen ganz anderen Paulus? Der zwar als leidenschaftlicher Mensch argumentiert und schreibt, aber nicht arrogant, sondern als ein Betroffener, der noch nicht am Ziel ist, einer wie du und ich, aus Fleisch und Blut. „Nicht ich!“ Mit diesem Ausruf können wir die Überzeugung des Paulus auf den Punkt bringen. Es geht nicht um mich, sondern um Christus. Auf vieles, was er geleistet hat, könnte Paulus verweisen. Aber er verzichtet darauf. Er ist nicht die Mitte, um die sich alles dreht. Es geht um Christus, er möchte über ihn ein Gespräch beginnen. Zum Nachdenken anregen. Er ist leidenschaftlich, aber auch verletzlich. Kein perfekter Mensch. Er zeigt sich als ein „imperfekter“ Mensch.

Von Sir Peter Ustinov, diesem großartigen Schauspieler, habe ich einmal gelesen: „Irgendwo auf meinen Reisen durch die Welt stand ich plötzlich vor einer Häuserwand. Auf ihr hatte ein hintersinniger Witzbold ein Graffiti gemalt: „I am perfec!“ Eine Sekunde war ich verwirrt und dachte: Kann der Typ kein Englisch? Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Sprüher hatte das „t“ absichtlich eingespart“.
Der imperfekte Mensch!

Ich denke, keiner von uns wird dies bestreiten, dass Menschen eben nicht perfekt sind. Wir alle machen Fehler. Nur ganz Eitle oder auch übergroße Narzisten werden dies verneinen. Nur Selbstherrliche machen keine Fehler! Dazu kommt, dass meine Selbstbeurteilung und Selbsteinschätzung sehr oft nicht mit der Fremdwahrnehmung meiner Person übereinstimmt, gar im Kontrast steht. Denn wer von uns schätzt sich schon selbst als „perfekt“ ein, bewertet sich selbst als „herausragend“ oder „ausgezeichnet“? Das wirkt doch nur peinlich, gar abstoßend auf andere, zumindest befremdlich.
Der „imperfekte“ Mensch, der nicht vollkommene Mensch. Mit all seinen Schwächen, auch Peinlichkeiten. Mit allem, wo er anstößt und aneckt. Mit seinen Gebrechen, seinen Fehlern. Nicht nur jung, dynamisch, Fitnessstudiogestählt, sonnengebräunt. Immer lächelnd, mit blendend weißen Zähnen. Sondern mit Falten, gealterter Haut, gebeugt, vom Leben gezeichnet.
Paulus als „imperfekter“ Mensch, der auch manchmal mit Worten um sich wirft, die anstößig sind, seine Hörer vor den Kopf stößt, die er doch für sich zu gewinnen sucht. Für seine Botschaft vom Evangelium. Und als ein solchermaßen gespaltener Mensch erlebt er sich. In seinem Leben gab es viele Situationen, so bekennt er, wo er gegen seine Überzeugung, gegen seinen Glauben, gegen seine Liebe, gehandelt hat. In denen er sich selbst verloren hat. Auch ein fester Glaube, ein tiefes Vertrauen schützt ihn nicht vor dieser bitteren Erfahrung. Der Glaube ist nicht automatisch eine Schutzzone des Menschen vor sich selbst. Ob das Leben gelingt ist nicht, auch nicht im Glauben, zu garantieren.

Paulus ist auf dem Weg des Lebens unterwegs. So versteht er sich und erlebt sich dabei nicht als perfekt, sondern als imperfekt. Als ein Lernender und Irrender. Was bei dieser Erkenntnis für ihn zählt ist nicht der Blick auf eigene Leistungen, sondern sein Blick auf das, was ihm geschenkt wird. Darum trumpft er nicht mit seinen Leistungen auf, im Gegenteil. Dies würde nur kurzfristig wirken. Wäre wie ein Sieg, der sich im Grunde in eine Niederlage verwandeln würde. Sozusagen ein „Pyrrhussieg“. Ich habe nachgeschlagen: König Pyrrhos I von Epirus wird zugeschrieben, dass er nach einem Sieg über die Römer 279 v. Chr. gesagt haben soll: „Wenn wir die Römer in einer weiteren Schlacht besiegen, werden wir gänzlich verloren haben!“ Oder kürzer: Nach einem Sieg, ob tatsächlich oder nur vermeintlich, zählt auch der Sieger zu den Verlierern. Wählt Paulus darum seine so drastischen Worte, mit denen er seine Zuhörer – und auch sich – bezeichnet? „Kot, Unrat, Dreck“ – es ist alles Mist, wenn ich mich als einen perfekten Menschen hinstelle und wahrnehme? Der allein die Weisheit mit großen Löffeln zu sich genommen hat, sich über alle erhaben fühlt, auf andere herabsieht, sie gar verhöhnt und verachtet, weil sie es noch nicht begriffen haben?

Dabei ist Paulus nicht unglücklich über sein bisheriges Leben. Er erlebt sich nicht als gescheitert. Er ist kein Neubekehrter, der mit seiner Vergangenheit absolut gebrochen hat und nun, wie ein Fanatiker, handelt, vor allem das Frühere vehement bekämpft und verneint. Es gab für ihn einen Neubeginn in und durch die Begegnung mit Christus. Glaube bedeutet für Paulus ihm begegnet zu sein. Es zählt nicht mehr die eigene Gerechtigkeit, sondern eine Gerechtigkeit, deren Maßstab der Glaube ist. Der sich Gott anvertraut, sich beschenken lässt. Nicht auf eigene Leistung baut und pocht. Diese Gerechtigkeit, die sich am Glauben misst, ist keine „Payback-Card“, wo mein Umsatz durch Zusatzbonifikationen entlohnt wird. Es gibt hier kein Habenkonto mit Bonuspunkten. Denn nicht das Erreichte ist wichtig, sondern dass wir immer wieder auf dem Weg und auf der Suche sind. Nicht schon fertig, sondern lernbereit, neugierig und offen. Nicht ein Haben, sondern ein Sein.

Liebe Gemeinde, auch wenn Paulus immer wieder sehr drastische Worte wählt geht es ihm nicht um plumpe Parolen. Nicht um simple schwarz-weiß-Malerei. Vorher war alles schlecht und jetzt ist alles gut! Nach dem Motto: Wende dich nur an Christus, und dir kann nichts mehr passieren. Er ist noch immer auf der Suche. Er lebt aus der Kraft der Begegnung mit dem Auferstandenen und er hat Teil an dessen Leiden und an seiner Auferweckung. So beschreibt Paulus für sich den Weg des Glaubens. Weil Christus ihn ergriffen hat, in sein Leben eingegriffen und es verändert hat.
Doch unterliegt nicht genau an diesem Punkt Paulus der Gefahr, sich, wenn auch indirekt, als Vorbild anzubieten?  Etwa in dem Sinn: Macht es wie ich, dann seid ihr schon auf dem richtigen Weg? Damit würde er doch noch in den Verdacht geraten perfekt sein zu wollen. Perfekt in seinem imperfekt Sein. Es ist gut und hilfreich, wenn wir auf die Zwischentöne achten: Paulus formuliert sehr vorsichtig und zurückhaltend, wenn er sich als Beispiel vorstellt. Nicht als Norm, als Maßstab oder als das Nonplusultra. Er spricht ganz persönlich. Er hat für sich Christus als heilend erfahren. Darum stellt er für sich Christus in den Mittelpunkt und nicht seine eigene Person oder seine eigenen geistlichen Entdeckungen und Erfahrungen. Schon gar nicht seine Leistungen! Er sieht sich als Hinweis, als eine Empfehlung, wie die Begegnung mit Christus unser Leben verändern kann und welche Dinge wichtig und wesentlich sind. Ganz vorsichtig geht er bei seiner Argumentation vor und lädt jeden Hörer und Leserin dazu ein, über seine Worte nachzudenken und dabei zu erspüren, herauszufinden, wo die Kraft Gottes im je eigenen Leben am Wirken ist. Wo jeder Gott in seinem Leben erkennen und spüren kann. Und das kann jede und jeder!

Kommentatoren nennen die Form dieses Textabschnitts eine „Narrenrede“, die Paulus hier hält. Weil er mit seiner Argumentation paradox vorgeht, wenn er sein eigenes Ergehen dabei erwähnt, zugleich aber darauf hinweist, dass es nicht auf ihn ankommt. Sondern auf das, was außerhalb seiner eigenen Möglichkeiten liegt. Was ihm von Gott geschenkt wird.
Liebe Gemeinde, unser Leben verstanden als ein nicht aufhörendes unterwegs sein. Dem Ziel entgegen. Dabei immer offen für Neues und immer lernbereit. Nie fertig sein. Die Augen nach rechts und links gerichtet und dabei das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Offen sein und neugierig, und dennoch fixiert auf das Ziel. Das Leben, auch das Christenleben, wenn ich Begriffe aus der Leichtathletik aufnehmen darf, ist kein Sprint, sondern eher ein Marathon. Hier sind immer wieder Ausdauer und auch Stehvermögen gefragt. Kondition und immer wieder neue Motivation. Dies alles ist uns nur möglich, weil wir „exzentrisch“ leben, wenn wir uns an Christus orientieren. Exzentrisch, also nicht von mir und meinen Möglichkeiten ausgehend. Sondern weil mir dies alles immer wieder von Gott zukommt. Geschenkt wird. Exzentrisch, indem ich offen bin für den Himmel und immer hörend und staunend unterwegs bin auf dem Weg des Glaubens und des Lebens.

Paulus, kein Fanatiker, kein Superstar, kein arroganter Typ, der über allem und allen steht. Abgehoben, durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Nein, eher als ein leidenschaftlicher Mensch ist er zu bezeichnen, der mit all seiner Energie auftritt, spricht und handelt, dabei immer Christus und sein Evangelium in den Mittelpunkt stellt und nicht sich selbst. Denn die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, Jesus Christus, weitet seinen Blick hin auf das Leben, auf seine Mitmenschen, lässt ihn offen und neugierig bleiben und öffnet dadurch den Horizont des Glaubens.
Auf diesen Weg möchte uns alle immer wieder das Evangelium helfen!
Amen