Predigt zu Johannes 13,21-30 am Sonntag Invokavit, 21.02.2021, Spaichingen, Video-Gottesdienst, Pfarrer Johannes Thiemann

Eingangsgebet
Herr, unser Gott, es gibt so viele Stimmen in mir und außerhalb meiner, die recht haben wollen, die über mich bestimmen wollen, die wissen, wie ich leben soll. Ich bin unsicher, wanke im Hören auf deine Stimme. Deine Stimme ist so leise, so ohne Zwang, ist eher ein Flüstern denn ein Rufen. In deiner Stimme spüre ich deine Liebe zu meinem Leben, in deiner Liebe wird es still in mir, und in dieser Stille lasse ich mir an deiner Gnade genügen.
Du hast uns deinen Sohn gesandt, dass er die Macht des Bösen besiegt und uns in unserer Anfechtung stärkt. Sei bei uns, wenn wir in Versuchung geraten, dass wir den Verlockungen des Bösen widerstehen und die Anfechtung überwinden. Das bitten wir in der Stille durch Jesus Christus, der versucht war wie wir und der die Stimme des Bösen erkannte und ihr wiederstehen konnte.
Amen

Liebe Gemeinde,
am Anfang steht große Erschütterung, die Jünger sind ratlos. Und in der Nacht endet alles. Der Nacht der Ernüchterung, der Enttäuschung, des Verrats.  Der Verräter wird mit Namen genannt. Jesus war „im Innersten tief erschüttert“, so beginnt diese dramatische Erzählung. „tarasso“, aus dem Griechischen für „erschüttern“, dieses Verb findet sich nur noch einmal im Johev. Und auch hier werden damit große emotionale Turbulenzen benannt. Jesus als ein Mensch, dem heftigste Gefühle nicht fremd sind. Es sind Gefühle der Enttäuschung, die solch heftige Erschütterungen in der menschlichen Seele auslösen. Warum fordert Jesus dann aber seinen Verräter auf: „Was du tun willst, das tue bald!“? Zeigt er damit, dass er trotz allem derjenige ist, der den ganzen Ablauf des Geschehens bestimmt, und nicht andere? Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende? Oder ist es eine fast fürsorgliche Antwort: Mach es endlich, plage dich nicht länger, entscheide dich!? Mit dem heutigen Sonntag beginnt die Passionszeit. Traditionell war dieser Sonntag in Württemberg der „Landesbußtag“. Der erste Tag der Fastenzeit, eine Zeit der besonderen Betrachtung unseres Lebens. Eine Zeit der Ehrlichkeit und der demütigen Selbsterkenntnis. Und heute nun zum ersten Mal nach der neuen Perikopenordnung diese so befremdliche Erzählung aus dem Johev. als Predigttext. Wo können wir in ihr Zuspruch erfahren, wo das Evangelium, wenn vom Satan die Rede ist? Von Judas, der traditionell für das Böse steht?

Alle vier Evangelien erzählen uns von einem letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern. Johannes erzählt nicht von der Einsetzung des Abendmahls, sondern von der Fußwaschung. Eine mehr als aufgeladene Situation wird uns hier vorgestellt. Neben großer Vertrautheit ist größte Verwirrung spürbar. Neben größter Nähe liegen Gefährdung und Unheil in der Luft. Dass Jesus aus dem engsten Kreis seiner Freunde verraten werden soll ist ein so dunkles Geschehen, dass er erschüttert und betrübt ist. Dennoch handelt er wissend und souverän. Er begegnet uns hier als ein verletzlicher Mensch, den Verrat im engsten Freundeskreis trifft. Er wird uns nahbar, einer von uns, die wir auch verletzlich sind, egal wie stark wir immer meinen zu sein und uns fühlen. Es sind diese Gefühle der Enttäuschung, die auch uns im Innersten am stärksten erschüttern. Da hilft es auch nicht, wenn wir versuchen rational zu reagieren: „Wie gut, dass ich jetzt weiß wo ich dran bin, dass ich mich nicht mehr täuschen lasse!“ Denn je stärker ich mich auf etwas von „außen“ eingelassen und verlassen habe, umso tiefer trifft es mich, wenn sich diese Sicherheit als Täuschung herausstellt: „Das habe ich von dir nicht erwartet!“ „Ich bin enttäuscht von dir!“ Wer von uns kennt nicht diesen Satz, wie viele Kinder oder auch Eltern haben ihn nicht schon gehört? Eine Enttäuschung kann zum Gradmesser der Belastbarkeit einer Beziehung werden. Je stärker diese dann ist, umso eher kann die Andersartigkeit des jeweils anderen akzeptiert werden. Dagegen in einer schwachen Beziehung führt eine Enttäuschung zum Bruch der Beziehung, zum Scheitern. Davon handelt diese Erzählung aus der Sicht von Jesus und seinen Jüngern. Judas dagegen kann sich nicht im Guten von Jesus trennen. Im Verrat bleibt er an ihn gebunden. Sein aus der Enttäuschung entstandener Hass verhindert, dass Judas „frei“ wird.

Fast exemplarisch begegnen uns noch andere Jünger. Da ist von einem die Rede, den Jesus liebte. Wahrscheinlich ist er einer der 12 Jünger. Wer er genau ist bleibt offen. Jede Festlegung ist spekulativ. Er ist ein Zeuge des Christusgeschehens, ein Vertrauter. Wir können ihn als einen „Modelljünger“ Jesu betrachten, der für eine ganz enge Beziehung zu Jesu steht. Dabei geht es nicht um eine bestimmte Rangfolge unter den Jüngern, sondern um die Einladung an uns alle, uns auf die Nähe zu Christus einzulassen. Wie wenn wir mit unserem Kopf an seiner Brust liegen. Petrus wird noch namentlich erwähnt, der ihn ebenfalls verraten wird, als er leugnet ihn zu kennen. Und die große Mehrheit der Jünger wird nicht positiver geschildert, denn wieder einmal verstehen sie nicht, was und warum Jesus dies alles sagt.

„Einer von euch wird mich verraten“, die deutsche Gesetzgebung untersagt, ein Kind „Judas“ zu nennen, da dieser Name ein Kind herabwürdigen könnte und dem Kindeswohl zuwiderläuft. Der Name ist durch den Jünger Jesu negativ besetzt. Und doch war Judas einer der Jünger. Einer von ihnen. Einer von uns. Daran ändert sich auch nichts, wenn wir ihm gute Absichten unterstellen. Judas als einer, der alles auf eine Karte setzte. Der das Gute will und dabei umso größeren Schaden anrichtet. Der Jesus endlich zum Handeln zwingen will – tue es bald? Wir erfahren nichts über seine Motive, schon gar nicht seine Gefühle. Er hatte sich wohl seinen „Herrn und Meister“ anders vorgestellt. Und doch bleibt er Jesu selbst im Verrat verbunden, seine Enttäuschung und vielleicht auch Hass lassen ihn nicht frei werden. Er wird Jesus untreu, auch wenn er nicht der einzige ist. Denn später unter dem Kreuz suchen wir die Zwölf vergeblich. Ratlos und ängstlich reagieren die Jünger, nicht allein wegen des drohenden Verrats, der gegenseitigen Verdächtigungen, sondern vor allem der Ahnung über die eigenen, inneren Abgründe. Denn Judas ist keine eindimensionale Figur, sondern wie wir alle sehr vielschichtig mit dem Leben verbunden. Er ist ein Vertrauter und ein Verräter, einer der schuldig wird. Und über seiner Schuld verzweifelt. Er ist einer, dem Jesus die Füße gewaschen hat, einer den Jesus „liebte bis ans Ende“, wie es ein paar Verse weiter heißt.

„Sobald Judas das Brot genommen hatte, ergriff der Satan Besitz von ihm“. Gibt Jesus selbst das Signal, indem er das Brot Judas gibt, dass der Satan in Judas fährt? Ist dieser Jünger also nicht grundlegend schlecht, gar böse? Das Böse können wir nur dann verstehen lernen, wenn wir es als eine überindividuelle Macht begreifen. Judas handelt, aber das Böse ist größer als er. Durch sein Handeln, auch seine Gedanken lässt sich Judas auf eine Macht ein, die ihn schließlich beherrscht. Deutlich wird, dass das Böse eine Eigendynamik entwickelt, dass „Sünde“ einen Machtcharakter besitzt. Die Macht des Bösen ist aber am Ende immer der Liebe Gottes unterlegen. Sie kann nur den Raum für sich in Anspruch nehmen, den Christus ihr einräumt. Die Macht des Bösen ist durch ihn begrenzt. Und selbst der Satan wird von Jesus zu einem Teil des Heilsplan Gottes gemacht. Auch wer teuflisch handelt muss nicht verteufelt werden.

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe“. Liebe Gemeinde, das trägt uns Jesus auf. Dass wir zu dieser Beziehung in Freiheit zueinander finden. Die Liebe kann loslassen und verzichtet auf die Macht der Kontrolle, die am Hass festklebt. Wie schön wäre es, wenn Jesu Jünger daran zu erkennen sind, dass sie untereinander Liebe üben und sich gegenseitig voller Vertrauen in Freiheit begegnen.
Amen

Fürbittengebet
Herr, unser Gott, immer wieder bitten wir dich, dass du uns erlöst von dem Bösen und uns nicht in Versuchung geraten lässt. Und doch wissen wir um das Böse in uns selbst; wir werden täglich versucht und erliegen immer wieder der Stimme des Versuchers.
Wir bitten dich, dass du uns lehrst, die Stimme des Bösen zu erkennen und ihren Verlockungen zu widerstehen. Wir bitten dich, dass du uns auf die Wege des Guten führst, und uns aufstehen lässt, wo die Macht des Bösen Menschen gefangen nimmt.
Wir bitten dich für die Kinder und Jugendlichen, dass sie gestärkt werden vor Verführungen und bösen Einflüssen. Wir bitten dich für die Menschen, die sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen, dass sie trotz aller Misserfolge nicht den Glauben an den Sieg des Guten verlieren.
Wir bitten dich für alle, die den Verlockungen der Macht erlegen sind, die ihren eigenen Vorteil suchen, dass sie lernen, ihre Möglichkeiten zum Wohl der Menschen einzusetzen und ihre Macht nicht mehr zu missbrauchen. Wir bitten dich für uns, dass wir mit dem Bösen keine faulen Kompromisse schließen und ihm schon in seinen Anfängen entgegentreten.
Amen