Predigt zu Lukas 19,37-40 am Sonntag „Kantate“ – „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ (Ps. 98,1), 02. Mai 2021, Spaichingen, Pfarrer Johannes Thiemann

Eingangsgebet: Herr, unser Gott, du bist der Schöpfer des Himmels und der Erde, dich preisen alle deine Geschöpfe, die Vögel des Himmels, die Fische im Meer und die Tiere in Wald und Feld. Lass uns heute mit einstimmen in den Lobgesang deiner Schöpfung.
Das Hören von Musik gehört zu unserem Leben. Singen wir selbst? Das Hören auf dein Wort gehört zu unserem Glauben. Sind wir beredt in Wort und Tat? Herr, unser Gott, lass uns nicht verstummen oder in fromme Floskeln verfallen. Wir wollen den Reichtum deiner Sprache ausschöpfen. Leg ein neues Lied auf unsere Lippen, damit in der Welt bekannt wird, dass du voller Tatendrang wirkst in unserer Welt.
Amen

Liebe Gemeinde,
„Kantate“, „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ Wie gerne würden wir dem heutigen Sonntag Kantate entsprechen, wie gern würden wir miteinander singen, Gott jubeln, ihn loben. Vom lauten Jubel der Anhänger Jesu ist hier die Rede, dass sie Gott laut loben, rufen, singen, vielleicht auch nur fröhlich schreien. All das ist uns in dieser Pandemiezeit nicht mehr erlaubt, gerade auch in unseren Gottesdiensten. Wie froh und dankbar bin ich, dass bei unseren Videogottesdiensten meist ein Gemeindeglied uns beim Singen unterstützt, für uns singt, sie daheim beim Mitsingen unterstützt. Singen tut einfach gut! Singen ist mehr als reden und sprechen. Singen ergreift den ganzen Körper. Wie sehr leiden gerade Chorsängerinnen und Sänger, dass sie nicht gemeinsam singen dürfen. Das Proben fehlt, das gemeinsame Singen ist etwas ganz anderes als wenn ich allein daheim vor mich hin trällere. Weil die Gemeinschaft fehlt, das Miteinander.
„Da brach die ganze Schar der Jüngerinnen und Jünger in lauten Jubel aus. Sie lobten Gott, riefen, schreien und singen, und loben Gott für all seine Wunder“. Was für ein großartiger Gegenentwurf zu unserer jetzigen Zeit! Und vor allem, wer hat es nicht schon erlebt, wenn irgendwo kräftig und fröhlich gesungen wird, wie das einen nicht unberührt lässt, geradezu zum Mitsingen animiert. Wie wenn ich im Radio eine Lieblingsmusik oder Lied höre, ich einfach mitsummen muss oder gar singe.

Wenn wir nicht mehr gemeinsam singen dürfen, bedeutet das, dass das hier geschilderte Gotteslob verstummt? Die Pharisäer fordern Jesus auf, dass er seine Jünger zur Vernunft bringen soll. Dass sie ihr Gotteslob, das sie auf Jesus beziehen, einstellen sollen. Jesus gibt ihnen zur Antwort, dass das Gotteslob nicht abgeschaltet, nicht verboten werden kann. Wenn die Jünger schweigen, dann werden die Steine reden. Die Folgen des bewussten oder unbewussten Verschweigens Gottes in unserer Gesellschaft, die immer seltener hörbare Achtung und Ehrung Gottes in der Öffentlichkeit ist zunehmend zu spüren und bleibt nicht ohne Folgen. Müssen darum bereits die Steine immer öfter unsere Stimme übernehmen, obwohl Jesus dieses paradoxe Bild wählt, um deutlich zu machen, dass das Gotteslob nicht zu verbieten ist? Am 08. Mai ist der 76. Erinnerungstag an das Ende des 2. Weltkriegs. Auch wenn es immer weniger Zeitzeugen gibt sind es nach wie vor immer noch Steine, die an dieses schlimme und grausame Ereignis erinnern. Unsere Kirchen, erbaut aus Steinen, geben Gott die Ehre, sind sichtbare Zeichen in unseren Städten. Nicht nur die Glocken, die zu hören sind und Gott die Ehre geben. Und, sind es nicht auch viele neue, moderne Steine, die eine Botschaft hinausschreien? Wie wir mit Gottes Schöpfung umgehen? Immer mehr unsere Natur zubauen, Steingärten den Lebensraum für Vögel und Insekten nehmen, Wohnsilos die Vereinsamung und Anonymität vorantreiben? Ist es gut, oder mit Jesu Worten, liebe Pharisäer, wäre es gut, wenn Menschen immer mehr schweigen würden und allein die Steine schreien, reden, Zeichen setzen?

„So kam Jesus zu der Stelle, wo der Weg vom Ölberg nach Jerusalem hinabführt“. Überraschend neu, weil weniger bekannt, sind unsere heutigen Predigtverse in der neuen Perikopenordnung aus dem Lukasevangelium. Wir kennen die Einzugsgeschichte Jesu in Jerusalem vor allem aus den anderen Evangelien, wie die Menschen in Jerusalem Jesus als den neuen König bejubeln, Palmenzweige und Kleider auf die Straße werfen. Lukas schildert dieses Ereignis auf ganz eigene Art. Auf dem Weg nach Jerusalem befindet sich die Reisegruppe am Abhang des Ölbergs. Es ist kein unüberwindbarer Abgrund, der sich auftut, aber erhöhte Aufmerksamkeit ist gefordert. Vergleichbar unserer Situation, in der kein unbefangenes und befreites, fröhliches Gotteslob über unsere Lippen sprudelt, sondern unsere ganze Aufmerksamkeit und Zurückhaltung erfordert. Auch wir befinden uns in unwegsamem Gelände. Und hier fangen die Jünger und Anhängerinnen Jesu an Gott zu loben. Liebe Gemeinde, wie sehen wir angesichts der vorherrschenden Lage, praktisch in steilem Gelände, auf unser alltägliches Leben, welch geistliche Stimmung und Perspektive bestimmt uns? Geht es uns nicht gerade überwiegend so, dass sich vor uns nur noch dunkle Täler auftun oder erkennen wir in der Ferne die Weite, die sich uns öffnet? Blicken wir angstbesetzt und pessimistisch nach vorn, weil die „Corona-Pandemie“ alles bestimmt? Alles, wie hier bei Jesu Weg nach Jerusalem, aufs Kreuz zuläuft, die Gefahren und Probleme, die sich auftun, immer größer und unlösbarer erscheinen? Oder wagen wir voller Vertrauen, getragen durch unseren Glauben, vertrauend auf die Botschaft des Evangeliums, voller Zuversicht den Blick nach vorn?
„Gott tut Wunder!“ „Singet dem Herrn ein neues Lied“, liebe Gemeinde, stimmen wir dennoch oder trotzdem in das Motto dieses Sonntags ein. Dass nicht die Steine schreien müssen, sondern wir unserer Verantwortung als Gegenüber zu Gott, unserer Ebenbildlichkeit, zu der uns Gott geschaffen hat, gerecht werden. Weil wir Gottes Eingreifen in das Weltgeschehen Glauben schenken, Gottes wunderbarer Verwandlung der Welt vertrauen. „Gesegnet ist der König, der im Namen des Herrn kommt! Friede herrscht im Himmel und Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöh!“

Gibt es ein besseres Krisenbewältigungskonzept, als das uns hier von Lukas geschilderte, das in unserem Glauben seinen Grund und Ursprung hat? Denn Jesus Weg, hinunter vom Ölberg, über den Abhang nach Jerusalem endet nicht am Kreuz. Er führt auch nicht in die Apokalypse, nicht in den Weltuntergang, sondern endet in einem Neuanfang. Er führt in neues Leben. Jesus Weg und der Weg seiner Jüngerinnen und Jünger ist immer von Ostern her zu verstehen. Er bringt die Erde mit dem Himmel zusammen. Bei Jesu Geburt singen die Engel das Gotteslob im Blick auf den Frieden auf der Erde: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, für die Menschen, denen er sich in Liebe zuwendet“. Damit beginnt Jesu Weg unter uns Menschen. Er bringt den Frieden. Und dieser Friede reicht bis in den Himmel hinein, ist nicht mehr begrenzt. Wie auch unser Leben nicht mehr begrenzt sein soll, wenn Gottes Liebe unser Leben bestimmt, durch Angst, Not, durch Einschränkungen der Pandemie, durch Leid und Tod.

Der Schrei der Steine ist unüberhörbar. Doch gerade dieser eindringliche Schrei, den wir meist überhören und verdrängen möchten, der Schrei der zerstörten Schöpfung, der ausgebeuteten und verschmutzten Schöpfung, der immer neuen Gräber, der durch Krieg zerstörten Städte, von Gewalt und Zerstörung fordert unseren lautstarken, weithin vernehmbaren Lobpreis Gottes in immer neuen Weise heraus. Wir können nicht still werden und bleiben. Leben wir aus dem Lobpreis Gottes, aus dem dankbaren Bekennen der großen Wunder Gottes, in unserem Leben, in unserer Umgebung, der Welt und der Geschichte. Denn die Verkündigung des Evangeliums, das Bekenntnis von Gott wie unser Lobpreis, aber auch das Schulbekenntnis wollen hörbar werden.
Amen
 
Fürbittengebet:
Herr, unser Gott, ein frohes und dankbares Lied fällt uns nicht immer leicht. In unser Danken bricht oft die Klage, in unsere Freude die Sorge. Wir bitten dich, dass wir trotz allem, was unser Leben verdunkelt, deine Liebe wahrnehmen und deine Treue spüren.
Wir bitten dich für die Menschen, denen Leid und Sorgen den Mund verschlossen haben, dass sie nicht mehr singen, sondern nur noch seufzen können. Lass ihnen dein Licht leuchten, damit die Schatten aus ihren Herzen weichen.
Wir bitten dich für die Mutlosen und Einsamen, die Kranken und die Trauernden, die dich nicht mehr loben können, sondern weinen. Trockne ihre Tränen und schenke ihnen wieder Hoffnung.
Wir bitten dich für alle, die singen und sich an der Musik erfreuen, dass sie darin dein Rufen hören und sich deiner Liebe öffnen. Hilf uns, dass wir dir zur Ehre singen und dein Lob vor aller Welt verkündigen.
Amen