Gedanken zum aktuellen Wochenspruch (02.05. bis 08.05.2021)

Wochenspruch für Sonntag Kantate – „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ - 02.05. bis 08.05.2021

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder
Psalm 98,1

Musik begleitet uns jeden Tag. Bewusst oder unbewusst, aktiv gestaltet, passiv konsumiert oder genossen. Gewollt oder durch Hintergrundmusik in vielen Geschäften. Selbst vor Trauerfeiern bei Beerdigungen – Stille ist wohl schwer auszuhalten. Kaum aufgestanden läuft das Radio, der MP3 Player oder das Smartphone über einen kleinen Lautsprecher.

Musik ist das eine, Lieder anzuhören das andere. Und selber singen dann noch etwas ganz anderes. „Ich kann doch nicht singen!“, höre ich oft in Gottesdiensten von Gottesdienstbesuchern, wenn sie sich kein Gesangbuch geben lassen. Da hilft es auch wenig, wenn ich antworte, dass jede und jeder singen kann. Bei nicht wenigen sitzen fast schon traumatische Erlebnisse aus der Vergangenheit so tief, dass sie sich nicht mehr trauen, zu singen. „Mein Lehrer hat mir schon in der Grundschule verboten, im Chor mitzusingen. Und bei der Aufführung durfte ich nur den Mund bewegen, ohne einen Ton von mir zu geben“. Beim Singen, das von Herzen kommt, kommt etwas aus Menschen heraus, was ihnen guttut, wo sie sich auf ganz andere Art und Weise äußern können, als wenn sie „nur“ sprechen oder reden. Musik und Singen hat etwas mit Gefühlen zu tun. Mit heiteren, fröhlichen, befreienden, auch verträumten, harmonischen Gefühlen. Aber auch mit niederdrückenden, traurigen Gefühlen. Und leider auch zunehmend mit zwiespältigen aggressiven Emotionen. Gesang und Musik ist ein Spiegel meiner Seele.

Und Singen hat viel mit meinem Glauben zu tun. Das bewusste Ein- und Ausatmen, die Atemstütze durch das Zwerchfell, um einem Melodiebogen Klang und eine besondere Farbe zu geben. Harmonische Akkorde wechseln sich mit Dissonanzen ab. All das sind Erfahrungen, die auch zum Glauben gehören. Das alltägliche Leben als ein Empfangen und Zurückgeben, zu seinem Bekenntnis zu stehen auch da, wo es Kraft kostet, Spannungen und Bereicherungen erleben in der Gemeinschaft - wer kennt das nicht, wenn ich bewusst meinen Glauben lebe.

Wenn ich singe, was kann ich da ausdrücken? „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“. Da drücken sich Gefühle des Staunens, der Dankbarkeit und des Vertrauens im Singen aus: Denn er tut Wunder! Der eine denkt an die Wunder, die uns die Bibel berichtet. Die Erschaffung der Welt, Jesu Wunder bis zu seiner Auferstehung. Andere haben die kleinen alltäglichen Wunder vor Augen. Dass ich am Morgen gesund aufstehen kann. Die Sonne zum Fenster hereinscheint. Das Vogelgezwitscher. Die aufblühende Natur. Ein Schmetterling, eine schöne Blume. Ein freundliches Wort. Eine überraschende Begegnung. Dass Versöhnung nach einem Streit möglich ist. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, um sie zu retten“. Diese Wunder können mich zum Staunen anregen, zur Dankbarkeit und mein Vertrauen ins Leben wecken. Dass ich meine Gefühle gar nicht anders ausdrücken kann, als dass ich ein „Lied“ anstimme“. Ein „neues“ Lied, weil mein Text, meine Melodie neu sind, spontan, nicht erlernt, schon gar keine Pflichtleistung. Weil sie von Herzen kommen!

                                                                 Pfarrer Johannes Thiemann